Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1879)
- Date
- 1879-04-30
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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466 Nicht allein die conservative (Bajoren-) Partei macht, wie ich Ihnen bereits geschrieben habe, die größten Anstrengungen, um die Wahlen in ihrem Sinne durch die reichlich zu Gebote stehenden Mittel zu beeinflussen, sondern auch die Moldauer Fraction, welche die eigentlichen Judenfeinde in Rumänien repräsentirt, hat in den letzten Tagen Versammlungen abgehalten und Comites gewählt. Dieser für sich allein höchst gefährlichen Partei hat sich der ehemalige Minister des Auswärtigen, Cogalniceano, angeschlossen und wird jetzt den Einfluß, welchen er als Mitglied des Cabinets Bratiano erworben hat, dazu benützen. um dasselbe Cabinet mit Hilfe der Fraction, welche bis dahin seine bittersten Gegner umschloß, zu stürzen. Die beiden Oppositionsparteien haben, wie aus der Haltung ihrer Parteiblätter deutlich hervorgeht, den Widerstand gegen die Emancipation der Israeliten auf ihre Fahnen geschrieben, um damit einen Eindruck auf die leicht bethörte Masse des Volkes zu machen und die Wahlen zu ihren Gunsten zu lenken. Der Unterschied zwischen ihnen besteht nur darin, daß bei der Bojarenpartei die Agitation gegen die Emancipation der Israeliten Mittel zum Zweck ist, und daß sie, falls sie diesen Zweck erreichen und die Exekutivgewalt in die Hand bekommen sollte, sich wahrscheinlich bemühen würde, die Bedingungen, welche der Berliner Congreß Rumänien auferlegte, zu erfüllen. Die Fraction dagegen, mit welcher sich Kogalniceano fusionirt hat, ist entschlossen, sich der Emancipation der Juden unter allen Umständen zu widersetzen und die Beschlüsse des Berliner Congresses, welche sich auf die Gleichstellung aller Culte in Rumänien beziehen, bis aufs Messer zu bekämpfen; sie stützt sich dabei auf Rußland, von dem sie das Versprechen hat, daß die Beschlüsse des Congresses dem Lande nicht mit Gewalt aufgezwungen werden würden. So gewaltige Anstrengungen die Gegner der Regierung jedoch auch machen, um das Ministerium Bratiano durch die Wahlen zu stürzen, so ist die Zahl seiner Anhänger im Lande, die sich nach dem Kriege noch bedeutend vermehrt hat, immerhin viel größer als die Zahl seiner Feinde. Es ist daher gegründete Aussicht vorhanden, daß es bei den Wahlen den Sieg davontragen und in der Lage sein wird, die Emancipation der Israeliten in Rumänien durchzuführen, indem es sich auf die große Mehrheit der Bevölkerung stützt. (N. F. Pr.) Rußland. Petersburg. Ein russisch-jüdisches Verbrüderungsfest fand, wie dem Petersburger „Nowoje Wremjr" geschrieben wird, am 41. d in der kaukasischen Gouvernementsstadt Kutais statt. Das Fest wurde von den jüdischen Einwohnern der Stadt aus Anlaß der Freisprechung der neun Juden, die beschuldigt waren, ein Christenmadchen geraubt, getödtet und das Blut desselben zu rituellen Zwecken benützt zu haben, veranstaltet und wurden zu demselben alle christlichen Einwohner der Stadt Kutais geladen. Zu dem Feste, das im Hotel Livadia stattfand, erschienen in der That zahlreiche Christen und Juden, die mit einander eine förmliche Verbrüderung feierten. Es wurde dabei auf den bekannten Vertheidiger, Advocat Alexandroff, auf das Geschwornengericht, auf die Vereinigung der | Christen mit den Juden u. dergl. toastiri. Anlaß-! lich seines Toastes „auf die Gerechtigkeit" sprach j Advocat Alexandroff unter Anderem: „Nicht des j Verdienstes wegen habe ich die Verteidigung der! armen Juden übernommen, sondern weil ich im j Innern überzeugt war, daß dieselben unschuldig j sind, und es nicht dulden wollte, daß sie — un- | schuldig verurtheilt werden. , Feuilleton. Zakobine. Ein Lebensbild. Von Ariedrich Hlott. XXVII. Mit all dem Pomp, der dem Stande der Verstorbei nen ziemte, war die Beisetzung der Leiche vollzogen j worden; Gräfin Waldensee ruhte nun tief unten in der! Gruft an der Seite ihres Gatten. Sämmtliche i Fremden hatten das Schloß bereits verlassen bis! auf die Baronin Weißenfels, die um Jakobinens! willen ihre Abreise auf den kommenden Tag ver-! schoben hatte. Sie betrachtete, wie sie so eben dem! Grafen erklärt hatte, den nun zum zweiten Mal! verwaisten Schützling der Dahingeschiedenen als j ein theures Vermächtniß ihrer entschlafenen Freundin. I „Und Fräulein von Thalheim?" fragte Günther, j „Ihre Cousine hat meine Einladung bereits - angenommen, Graf. Sie ist ein liebenswürdiges Kind und hätten wir nicht jetzt eben einen so überaus schmerzlichen Verlust zu beklagen, ich i würde sagen, ich schätze mich glücklich, sie mit mir j heim zu führen." Waldensee preßte die Lippen auf einander, | erwiederte jedoch nichts.! Es war in den spätern Nachmittagstunden, > die Baronin war ausgefahren, um in der Nach-! barschaft einen Besuch abzustatten, Jakobine bej fand sich in ihrem Zimmer. Ein großer Reisej koffer stand geöffnet, einige Kleidungsstücke waren; hinein geschlichtet, andere lagen auf den Sesseln