Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1879)
- Date
- 1879-04-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447797-2447815--16119-2472093- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
458 oder erhalten sollen, stimmen wir daher mit dem Gemeindebund vollständig überein, wenn uns auch die Abgrenzung gerade dieses Zeitraumes nicht genügend motivirt erscheint. — Wenn jedoch der Gemeidebund weiter klagt: „Ist unsere Jugend der Schule entwachsen, in der selbst es ja gar oft mit dem Unterricht in Religionswissenschaft traurig genug bestellt ist, so hört für sie in der Regel das Interesse für Judenthum auf, weil sie nichts mehr davon bekommt. Unsere Jünglinge bereiten sich auf ihren künftigen Beruf vor; sie widmen sich dem Studium, wenden sich dem Kaufmannsstande zu oder genießen eine andere fachliche Bildung; jedenfalls aber werden sie jüdischen Angelegenheiten mehr und mehr entfremdet. Wer nicht das Studium des Talmud oder das Religionslehrerfach zu seinem Berufe gewählt hat, kümmert sich um die Geschichte des Judenthums, die Institutionen desselben, um jüdische Wissenschaft, so gut wie gar nicht. Wird es doch heute schon selbst in großen Gemeinden schwer, eine Anzahl von Männern zu finden, die mit dem richtigen Verständnisse und mit warmen Herzen die Interessen der jüdischen Gemeinde, welcher sie angehorcn, zu vertreten und zu wahren im Stande sind. „Dieser Zustand ist um so mehr zu bedauern, als gerade die jüdische Religion mehr als irgend eine andere in alle Gebiete sowohl des inneren Familienlebens als der gesellschaftlichen Institutionen übergreift. Wo findet man solche Beispiele von Pietät der Kinder gegen ihre Eltern, von Mutterliebe, von Gemeinsinn und Opferbereitschaft, von Heroismus, als gerade in der Geschichte des jüdischen Stammes? Wo treten uns die Menschen mit ihren Tugenden und Gebrechen menschlicher gegenüber, als in den einfachen Erzählungen der Bibel? Und da wundert man sich, wenn heute die Jugend nicht mehr so feinfühlig ist für Pietät und Sitte, für Gemcinsinn und Opferwilligkeil gegenüber den Alten, die diese Tugenden mit ihrer Glaubenslehre gewannen." so erlauben wir diesen allgemeinen Klagen einige allgemeine unbestreitbare Wahrheiten entgegenzuhalten. Der jüdische sogenannte Religionsunterricht könnte noch schlechter sein, als er ist, diad hoc geschaffenen Veranstaltungen zur Weckung jüdischen Lebens und Strebend könnten für die herangewachfene 16—^öjährige Jugend noch spärlicher vorhanden sein, als sie thatsächlich sind, und cs wäre dennoch nicht der Wahrheit gemäß zu sagen, daß unsere Jugend das Interesse für das Judenthum deßhalb verliert, weil sic nichts mehr davon zu hören bekommt. Wohl bekommt die jüdische Jugend von ihrem! Judenthum zu hören und zu sehen, in der jüdischen 1 Familie, in der sie lebt. Ein Kind brauchte wie i gesagt in seiner Schule gar nichts Jüdisches zu lernen, aber das Judenthum brauchte ihm und es brauchte dem Judenthum deßhalb noch nicht fremd zu bleiben. Vom frühen täglichen Erwachen an! bis zum Niederlegen zur Ruhe fehlt es wahrlich j nicht an fortwährenden Anregungen im jüdischen j Kreise, die die Jungen und die Alten unablässig j nicht nur an das Judenthum, sondern auch an die Zugehörigkeit zu diesem Judenthum erinnern. Hat die Jugend, welche täglich sieht, wie das Judenthum seine Bekenner verpflichtet, vor Beginn des Tagewerkes die Hände zur beginnenden Arbeit zu waschen n^DJ), Arm und Haupt, That und Geist dem Willen unseres himmlischen Vaters unterzuordnen O'^n), Herz und Auge gegen sinnliche Leidenschaftlichkeit zu stählen (ri'L'-r), hat die Jugend, welche unter einer Umgebung heranwächst,'die sich keinen Genuß gestattet, keinen Schmerz und keine Freude empfindet, ohne zu Dem auszublicken, der unser Wohl und Wehe in seiner Hand hat, und ihm dafür Dank und Segen ausspricht (ra-o), hat eine solche Jugend nicht in ihrem alltäglichen Leben eine ganze Fülle von Anregungen, die sie ihr Judenthum nicht vergessen oder gar verachten zu lassen braucht?! Daß diese Anregung leider in so vielen Familien fehlt, das ist allerdings ein Unglück, das beklagt zu werden verdient, das wir aber noch niemals in den Aufrufen des Gemeindebundes beklagt oder auch nur erwähnt gefunden haben. Jst's nicht eine bloße, billige Phrase, wenn gesagt wird, j „daß gerade die jüdische Religion in alle Gebiete! übergreift in das Familienleben sowohl als in die! gesellschaftlichen Institutionen," so liegt es doch nahe, I die Momente und Beziehungen namhaft zu machen, in denen sich dieses Uebergreifen äußert. Wenn der Gemeindebund also z. B. Klage darüber erhöbe, daß das jüdische, von Gott uns j gegebene, von der Weisheit unserer Weisen weiter; ausgebauie Gesetz so gleichgiltig behandelt, so offen-! kundig verletzt wird, daß diese Verletzung, adgej sehen von der schweren Verantwortung, die jeder! Einzelne Gott gegenüber zu tragen hat, auch das; ideale Band zerreißt, welches alle Bekenner des! Judentbums mit einander verbindet, wenn der Ge- I meindebuud das Kind mit rechtem Namen nennen.; aus dem Gebiete der schönen Phrase heraustreten > und darüber klagen würde, daß Juden Tephillin und Zizith, Me'susa und Sabbat und noch vieles! andere leichtsinnig mit Füßen treten und so das; einzige Mittel von der Hand weisen, welches den Geist oder Einheit und Zusammengehörigkeit unter