Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1879)
- Date
- 1879-04-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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)U Ar. 18 des Israelit. XX. Jahrgang. Erste Leilage zettender Artikel. Dom Hemeindebunde. ii. Der religiöse Verfall, der im jüdischen Kreise so vielfach zu Tage tritt, ist schon mehrfach Gegenstand von Kundgebungen Seitens des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes geworden. Ein neuer „Aufruf" kommt wiederum auf dieses Thema zurück, und gipfelt, nach einer gedrängten Darstellung der verschiedenen Mißstände in dem Vorschlag, Vereine zu gründen, welche durch Vorträge Interesse für das Judenthum wecken und erhalten sollen. Wie edel die Intentionen, denen diese Kundgebung entsprungen, auch sein mögen, wir halten uns heute wie schon früher verpflichtet, sie auf ihren Werth und vor Allem auf ihre Berechtigung zu prüfen. — Wenn man sonst Reforwjuden in die allgemeinen, leider nur zu berechtigten Klagen über die um sich greifende Religionslosigkeit klagen hört, so fällt einem unwillkührlich das Gebühren jenes Diebes ein, der, als Alles „Greift ihn" schrie, in diesen Ruf mit einftimmte, um so den Verdacht des Diebstahls von sich abzulenken. — Wer anders hat die Gleichgiltigkeit, den Abfall, den fahnenflüchtigen Verrath an unserer heiligen jüdischen Sache angebahnt und als geläutertes, fortgeschrittenes Judenthum ausgegeben, wer anders als die religiöse Richtung, ja als zum Thcil dieselben Männer, in deren Hand die Leitung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes liegt? Ob dieselben Männer, die die Geister des Unglaubens und des instinctivrn Hasses gegen alles positiv Jüdische heraufbeschworen, geeignet sind, sie auch wieder zu bannen? Ob sie auch immer den redlichen Willen dazu haben? Ob die Religion, nach der sie verlangen, nicht die Religion ihrer Mache, d. h. der disparateste Gegensatz. die principielle Verleugnung des überlieferten, wahrhaftigen JudenthumS ist? Wir wollen die Beantwortung dieser Fragen den deutschen Gemeinden überlassen, unsererseits wollen wir gerne glauben, daß die Drachensaat, welche das Reformjudenthum in die jüdischen Geister und Gemüther gestreut, so furchtbare Früchte gezeitigt hat, daß es den Herren Säemännern unheimlich zu Muthe wird, und sie sich vielleicht glücklich schätzen würden, mit ihrem leck gewordenen Pseudo- Judenthum in einen jüdischen Hafen einzulaufen^ Aber diesen guten Willen und den Glauben daran seittns der jüdischen Gemeinden einmal zugegeben, so zeigen schon die Mittel, welche der Gemeindebund gegen die zu bekämpfende Misere vorschlägt, wie sehr er den Sitz des Uebels verkennt, wenn er es auf die von ihm vorgeschlagene Art und Weise beseitigen zu können hofft. „Die Hauptsache," heißt es in dem erwähnten Aufruf, „dieses Jndifferentismus und Scheinlebens liegt vielleicht darin, daß für unsere jungen Glaubensgenossen im Alter von etwa 16—25 Jahren absolut gar nichts gethan ist, was ihnen auch nur die geringste Begeisterung für gemeinsame Bestrebungen und gemeinsame Aufgaben des Judenthums einflößcn könnte." Nichts, gar nichts? frägt — die „Allg. Ztg. des Kudenthums"? „Gäbe eS denn keinen jüdischen Gottesdienst, wohl auch mit Predigt?" In dieser einen Frage spiegelt sich der ganze klägliche Schiffbruch des Reformjudenthums. Von Predigt und Gottesdienst, diesen beiden Steckenpferden des bundesbrüchigen ModejudenthumS, erwartet sein greiser Taufpathe immer noch Heil und Rettung, und hat somit von den letzten 50 Jahren noch nicht so viel gelernt, als die Herren vom Gemeindebunde, die diese Quacksalbereien wenigstens richtig erkannt und gewürdigt haben, wenn sie dieselben für absolut Nichts halten. Wenn der Calamität, an der unsere jüdischen Anliegen leiden, mit Gottesdienst und Predigt beizukommen wäre, dann müßte sie längst überwunden sein. So viel ist doch noch nie vom Gottesdienst verhandelt worden, als in der vom Reformjudenthum inaugurirten Aera, einen solchen Reichthum von Predigten, gedruckten und ungedruckten, hat doch noch keine Epoche der jüdischen Geschichte, haben, was das Quantum betrifft, nicht einmal die 48 jüdischen Propheten und 7 Prophetinnen, zusammengenommen, aufzuweisen. als unsere Zeit, die sogar Magazine anlegen muß, um die Predigten ihrer Prediger wenigstens — lagern zu können. In der Jgnorirung des sogen. Gottesdienstes und der Predigt, als Factoren, welche die 16— 25jährige Jugend für das Judenthum gewinnen