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Der Israelit · 1879-04-30 · Heft 18 (30.4.1879) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 18 (30.4.1879)
Date
1879-04-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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453 Herren Dr. Deutschlander, Dr. Bar naß, Dr Meyer, Plaut, Schiffer, Singer und Höxter. Breslau. Ein eigenthümlicher Vorfall hat sich, wie der Schl. Pr. berichtet wird, vor Kurzem in einer mährischen Gränzftadt zugetragen An einem bestimmten Tage sollte die durch Schönheit uud Liebenswürdigkeit ausgezeichnete Tochter einer wohlhabenden und geachteten jüdischen Familie verlobt werden. Nachdem sämmtliche Vorbereitungen getroffen waren, stellte sich plötzlich ein ungeahntes Hinderniß entgegen. Es trat nämlich eine alte Bäuerin ins Festzimmer und^erklärte den Eltern der Braut, daß sie ihre Einwilligung zu der bevorstehenden Vermählung nicht ertheile. Man glaubte anfangs es mit einer Irrsinnigen zu thun zu haben, doch die Bäuerin beharrte auf ihrer Erklärung und begründete diese wie folgt: „Wie ihr mich nun erkennen werdet (was auch geschah), war ich vor 20 Jahren bei eurem Kinde Amme. Ich hatte in einer Nacht das Unglück, euer Kind im Schlafe zu erdrücken. Aus Furcht vor Strafe beseitigte ich das todte Kind und legte an dessen Stelle mein in gleichem Alter stehendes Töchterchen. So wurde dieses, mein eigenes Kind, bis zum heutigen Tage von euch ernährt und wohl erzogen, und ich danke euch dafürdoch da es jetzt verheirathet werden soll, werdet ihr es begreiflich finden, wenn ich als Mutter mein Recht ausübe, und so verbiete ich als gute Christin, daß mein in der christlichen Kirche getauftes Kind einen Inden heirathe." Die Bestürzung der Braut, des Bräutigams und besonders der Eltern und Geschwister bei dieser Erklärung der alten Bäuerin kann man sich denken. Vorläufig ist die Begebenheit der zuständigen Behörde zur Untersuchung angezeigt worden. Bresl«U. Am nos :n no« ist Herr Dr. Lazarus, Direktor des Breslauer Rabbiner-Seminars, aus diesem Leben abberufen worden. Der Verewigte erfreute sich als Mensch, Jude und Gelehrter eines sehr guten Rufes. n"3"ä"j"p. Halbe?stadt Es wird die geehrten Leser des „Israelit" interessiren, zu erfahren, daß das Innere der von Rabbi Bär mann, dem „Königlichen Residenten", erbauten Synagoge vor dem Umbau derselben ist photographisch ausgenommen worden. Die Photographien, die ein sehr gelungenes Bild bieten, sind durch Herrn C. Homme l in Halberstadt zu beziehen. (Siehe Inserat. Red.) Aus Thüringen. Ich habe bei meiner Thüringer Rundschau bis jetzt Gotha's noch keiner Erwähnung gethan. Diese inmitte« einer fruchtbaren Umgebung gelegene, gewerbreiche, park- und schlössergeschmückte Stadt, der schönsten Perlen Thüringens Eine, welche seit Jahrhunderten den Juden ihre Thore verschlossen hatte, birgt jetzt ebenfalls eine jüdische Gemeinde in ihren Mauern. Von jüdischen Handelsleuten, namentlich Pferdehändlern, feit langen Zeiten schon viel besucht und genannt, boten ihre Lage sowohl, als auch die humanen Regierungsgrundsätze des jetzt regierenden Herzogs gewerb- und handelsbeflissen n Israeliten einen nicht geringen Anziehungspunkt zur Niederlassung, so daß schon 1866 sich dort eine Gemeinde eonstituiren konnte, welcher 1870 von der Regierung die Rechte einer juristischen Person ertheilt wurde. Die Gemeinde zählt gegenwärtig 30—40 Mitglieder. Sie unterhält eine Religionsschule, hat eben noch keine eigene Synagoge, wohl aber bereits einen kleinen, durch freiwillige Spenden entstandenen und durch solche immer mehr anwachsenden Fond zum dereinstigen Bau einer solchen. Außer den zur Gemeinde gehörigen Israeliten , wohnen auch mehrere Israeliten daselbst, welche sich dem Gemeindeverbande nicht angeschlossen haben. Im Herzogthume Coburg - Gotha herrscht nämlich Seitens des Staates kein Gemeindezwang. Es hat daher auch bei der Bildung Der betr. Gemeinden keine äußere Nöthigung, sondern nur das innere Religionsbedürfniß, der, dem relig. Bewußtsein innewohnende Crystallisationstrieb die Gemeindegestaltung herbeigeführt, ein in unserer Zeit sicher recht erfreuliches Zeichen der unvertilgbaren Opferfrendigkeit des größten Theils unserer Glaubensangehörigen für die angestammte Religion! Es ist zu wünschen und zu hoffen, daß diese Energie des jüdisch-religiösen Bewußtseins, welche diese Gemeindeinstitutionen geschaffen hat, auch dem weiten Ausbau, der Förderung und Erhaltung derselben zu Gute komme! Das Laien-Selfgouvernement in den Religionsangelegenheiten einer Gemeinde, ohne geistliche Mithilfe, ohne fortgesetzte geistliche Mitarbeit hat indessen auch seine bedenkliche Seite. ES werden da oft die religiöse« Institutionen nur dis zu einer gewissen Stufe entwickelt, (ja, es ist anders gar nicht möglich!) dann aber tritt Stillstand und in Folge dessen allmählicher Verfall ein. Es läßt solches Verbältniß einen Vergleich mir den klimatischen Verhältnissen einer hochgelegenen Berggegend zu. Die Bewohner einer solchen sehen in ihrer, durch die Ortrlage bedingten zwanglosern und freier» Bewegung mit einem gewissen stolzen Selbstbewußtsein auf die Thalbewohner herab. Aber während da unten die Aussaat schon zur reifern Frucht gediehen ist und die Segensernte eingeheimft wird, ist man da oben in der Höhe noch weit von diesem Ziele entfernt. Die um soviel später» und um soviel schwächer» Sonnenstrahlen vermögen hier nur ein dürftiges Wachsthum, ein verspätetes Reifen zu bewirken oder eS fahren auch die Winterstürme schon über die Hochfläche,

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