Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1879)
- Date
- 1879-04-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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435 fee, die sich seit einigen Tagen wieder Wähler und frischer fühlte, begleitete ihrem Versprechen gemäß, die Jagdgesellschaft im Wagen, Jakobine war an ihrer Seite. Das junge Mädchen sah reizend aus und sämmtliche Herren machten es sich zur Pflicht, dem Liebling der alten Gräfin ihre Huldigung darzubringen; trotzdem empfand Jakobine nicht das Vergnügen, das sie sich versprochen. Die armen gehetzten Thiere erregten ihr Mitleid und die Treiber fast noch mehr; sie vermochte den Jubel der glücklichen Jäger nicht zu begreifen. War das der Sieg des Reinmenschlichen über das Thierische? — Ihr erschien im Gegentheil der leidenschaftliche Jäger weit thierischer als das zitrernde Reh, das dort in seinem Blute sich wälzte und die wundervollen Augen noch einmal zu ihr aufschlug und als der dahinfliegende Dammhirsch, der trotz seiner Flucht noch so königlich ihr erschien. Die Jagd ging zu Ende, der Abend nahte. Ein fröhliches Mahl vereinte die Jagdgenossen im Schlosse; sie befanden sich sämmtlich in heiter erregter Stimmung. Die Jagd war außerordentlich glücklich vorübergegangen, Graf Günthers Gewandtheit und Jagdglück hatte allgemeine Bewunderung erregt, er war der Held des Tages; doch als echter Cavalier und Wirth wußte er die Complimente, die ihm von allen Seiten gezollt wurden. mit liebenswürdiger Verbindlichkeit auf andere überzuleiten. Nie hatte Jakobine ihn so anziehend gesunden, aber auch er fand sie entzückend schön und nannte sie ein Mal über das andere ma belle cousine. Ehedem hatte sie diese vertrauliche Anrede seinerseits unbefangen entgegengenommen, doch seit sie wußte, daß er ihre Abstammung kannte, trieb sie ihr das Blut in die Wangen. Er sah sie erröthen und verdoppelte seine achtungsvolle Huldigung — ihr Herz pochte unruhig, sie vermochte seinen glühenden Blicken nicht zu begegnen. Die Gräfin, ermüdet von den Anstrengungen des Tages, zog sich zeitig zurück. Jakobine begleitete sie, obgleich die freundliche alte Dame es ihr hatte wehren wollen, um sie dem heiteren Kreise nicht zu entziehen. Doch das junge Mädchen wußte, daß die Gräfin sie entbehren würde, und so gern sie einerseits auch noch bei den Fröhlichen geweilt, so verzichtete sie andererseits doch ohne Bedauern darauf; denn Graf Günthers Aufmerksamkeiten fingen an sie zu beunruhigen, hatten ihre Unbefangenheit ihr bereits vollständig geraubt. Sie war der Gräfin beim AuZkleiden behülflich und saß dann noch ein Weilchen vor ihrem Bette, wie die alte Dame es liebte, und unterhielt sie von den Ereignissen des heiter verlebten Tages. Freundlich lächelnd blickte die Gräfin zu ihr empor. „Wie sich's Dir so angenehm zuhört, liebes Kind, Du verleihst meinem Leben stets neuen Reiz und Freuden; wenn Du mich verlassen würdest, ich wüßte in Wirklichkeit nicht, ob ich's überleben würde." „Nie, nie werde ich Sie verlassen!" rief Jakobine , indem sie die faltige Hand ihrer Wohlthätcrin an ihre Lippen zog. „Ihnen verdanke ich ja Alles, Alles. — O, wenn Sie wüßten, wie innig es mich beglückt, meine kleinen Dienstleistungen so freundlich von Ihnen anerkannt zu sehen." Die Gräfin strich ihr die blonden Locken aus der klaren weißen Stirn. „Mein liebes schönes Kind. — Aber es wird auch Dein Schaden nicht sein, wenn Du bei Deiner alten Pathe ausharrst. — Sobald wir in die Stadt kommen, soll es mein Erstes sein, die Sache in Ordnung zu bringen. Deine Zukunft muß gesichert fein für alle Fälle." „O, reden Sie doch davon nicht, Exeellenz", bat Jakobine, „im Hause meiner gütigen Wohlthäterin ist meine Zukunft gesichert und weiter hinaus mag ich nicht denken." „Um so mehr ist es meine Pflicht, weiter hinaus zu denken. Glaubst Du denn, ich wäre so egoistisch, es anzunehmen, daß Du mir Deine Jugend opferst, wenn ich nicht die Absicht hätte, Dich reichlich dafür zu belohnen? Doch für heute muß ich schlafen, ich bin sehr, sehr müde. Gute Nacht, liebes Herzchen. Schlafe wohl und träume Schönes." Jakobine erwiederte Hren freundlichen Wunsch, neigte sich zu ihr und küßte ihre Hand; die Gräfin zog sie an sich und berührte mit ihren welken Lippen ihre rosigen Wangen; dann zog sich das junge Mädchen zurück in ihr anstoßendes Zimmer. Sie schloß die Verbindungsthür nicht fest, um auf den leisesten Wunsch der Gräfin an deren Bett zu sein, denn die alte Dame liebte diese unablässige Aufmerksamkeit. Es war schon ziemlich spät, doch Jakobine fühlte keine Müdigkeit. Sie ließ sich in dem hohen, altmodischen Lehnsessel nieder und griff nach einem Buche, es war Shakspeare, ihr Lieblingsschriftsteller. — Doch sie wußte selbst nicht, was es war, aber sie vermochte ihm heute kein Interesse abzugewinnen. — Unmuthig schob sie das Buch zurück und starrte träumerisch vor sich hin. Die Gräfin schlummerte bereits, das erkannte sie an den leise säuselnden, regelmäßigen Athemzügen — auch sie beschloß, ihr Lager aufzusuchen. Leise erhob sie sich und begann ihren Schmuck abzulegen; da gewahrte sie mit Schrecken, daß ein