Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1879)
- Date
- 1879-04-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2447797-2447814--16070-2472043- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
426 Herr Dr. I. Morgenstern setzt sich im Eingänge seines Artikels auf das hohe Pferd der wahren, exacten Wissenschaft, um den Talmud zu verlachen, und doch — wie weit ist er selber von wahrer, exacterWissenschaftlichkeit entfernt!! Dieser Mann, der den Talmud zu verhöhnen sich berufen fühlt, versteht den Sinn einfacher Talmudstellen nicht einmal und gibt sie falsch wieder. Hiervon einige Beispiele; Herr Dr. M. schreibt: „Rabbi Simon b. Jochai lebte Anfangs des 2. Jahrhunderts. Er war, im Gegensätze zu seinem Vater, der bei den römischen Behörden in Gunst gestanden zu haben scheint, ein abgesagter Römerfeind und stand auch bei denselben nicht im besten Andenken. Als man ihm einst die nützlichen Werke der Römer pries, welche schöne Marktplätze errichten, Brücken über die Flüsse schlagen und Bäder bauen, da rief er: „Alles, was sie Herrichten, ist nur ein Werk der Habsucht und der Sinnlichkeit. Märkte errichten sie, um Lustdirnen hinzusetzen, Bäder bauen sie, um sich selbst zu vergnügen, Brücken bauen sie, um Zoll zu fordern." Ein anwesender Schüler erzählte unvorsichtiger Weise diese freimüthige wahrheitsgetreue Aeußerung des Tadels weiter, bis sie dem röE. n Statthalter zu Ohren kam. Nach eingeholtem Befehle aus Rom wurde R. Simon zum Tode verurtheilt. Er hielt sich mit seinem Sohne in einem Lehrhause verborgen, wo ihnen ihre Frauen täglich Speise und Trank brachten. R. Simon sagte aber eines Tages zu seinem Sohne: „Unser Leben liegt doch nur in der Hand unserer Frauen, und da Frauen leichtsinnigen und schwachen Charakters sind, so würden sie uns, wenn wir ihnen einmal nichtzärtlich und liebevoll begegnen — an die Römer verrathen. Wir müssen uns daher eine sichere Zufluchtsstätte suchen." Schon hier wird ein Schatten auf den Charakter des großen Mannes geworfen; wenn Herr Dr. M. richtig übertragen würde, wie niedrig hätte da Rabbi Schimeon von den edlen Frauen gedacht, welche die Versteckten unter Lebensgefahr mit Nahrung versorgten! Diese Frauen sollen in Verdacht stehen, aus Rache um einen unfreundlichen Blick ihre Männer dem Tode preiszugebeu!! Aber Herr Dr. M. übersetzt falsch. Im Talmud (Sabbat 33b.) heißt es: j1? r6 nysa «otn „Vielleicht wird man ihnen Schmerzen bereiten (sie auf die Folter spannen), und sie werden dann unfern Aufenthaltsort entdecken." — Was sagst Du, lieber Leser, zu dieser Fälschung? Oder ist es Unwissenheit? Herr Dr. M. berichtet ferner: „Ja, er (Rabbi Simon ben Jochai) weiß sogar — wahrscheinlich mittels der Geheimnisse der Kabbalah — 'daß die Mutter täglich den König Salomo auf die Bank gelegt und ihn tüchtig durchgeprügelt habe, indem sie sagte: „Wäre Dein Vater am Leben, so würde er es gethan haben, nun fällt mir aber die traurige Pflicht zu, dies zu thun." Wie man doch das Schönste entstellen kann. Salomo selbst spricht (Sprüche o 31 v. 1 u. 2) von der Züchtigung, die ihm seine Mutter hat zu Theil werden lassen. Anlehnend daran erzählt Rabbi Jochanan im Namen des R. Schimeon ben Jochai (Sanhedrin 70) daß Salomo's Mutter diesen, da er noch ein Kind war, wenn er nicht gehorchen wollte, an eine Säule gebunden und gesprochen habe: Alle wissen, daß Dein Vater gottesfürchtig ist; wenn Du nun anders werden würdest, so würde man sagen: das hat er von seiner Mutter. — Und diese musterhafte Erziehung, die Bath-Seba ihrem Sohne zu Theil werden ließ — der König dankte es ihr noch in späten Jahren. Wie schön ist diese Erzählung! Und was macht Herr Dr. M. daraus? Ist das nicht schändlich, mit solchen Dummheiten ein großes christliches und jüdisches Publicum — die Vossische Zeitung ist eine der verbreitesten Zeitungen der Hauptstadt — zu täuschen? Nach dem Tode Davids soll König Salomo von seiner Mutter über die Bank gelegt und durch geprügelt worden sein! Und das Alles ist nur erdacht, um Rabbi Schimeon ben Jochai zu verhöhnen und das Andenken dieses großen Mannes zu verlästern! Oder hat Herr Dr. M. gar den Talmud nicht gesehen und aus Schudt, Eisenmenger oder Rohling seine Gelahrtheit geschöpft? Nach den mitgetheilten Proben scheint es fast zu sein, denn sie sind ganz in der Manier jener Judenfeinde gehalten. Wir wollen noch ein Beispiel geben, das eine Gotteslästerung sondergleichen enthält. Herr Dr. Morgenstern schreibt: „Wie weit die Vergötterung des R. Simon getrieben wird, erhellt daraus, daß Gott ihm sogar untergeordnet wird, d. h. Gott fügt sich seinem Willen. So wird im Talmud erzählt, daß ein Rabbi einst den Propheten Eliah an der Höhle des R. Simon traf und ihn frug, ob auch er der Glückseligkeit des jenseitigen Lebens wird theilhaftig werden? Und eine göttliche Stimme ertönte und antwortete: „wenn Simon es bestimmen wird!" Nicht wahr, lieber Leser, Du bist nicht wenig erstaunt, daß so etwas im Talmud enthalten sein soll! Ist doch die Lehre vom einzigen Gott die Grundlage des ganzen Judenthums und der wird hier Hohn gesprochen. Aber, beruhige Dich, es steht etwas Derartiges nicht im Talmud. Die