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Der Israelit · 1879-04-16 · Heft 16 (16.4.1879) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 16 (16.4.1879)
Date
1879-04-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
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408 Feuilleton. Zakobine. Ein Lebensbild. Von Kriedrich Mott. XXV Es war ein hohes, geräumiges Gewölbe, in dem Sarg an Sarg sich reihte. Jakobine schauderte; es war nicht Modergeruch, aber doch Kellerluft, die ihr entgegenwehte und unwillkürlich lehnte sie sich fester auf des Grafen Arm. Dieser drückte lächelnd ihre Hand an seine Brust, aber sie war durch die Nähe der Leichen so erregt, daß sie dieses nicht bemerkte. „Da liegen sie alle unsere edlen Vorfahren," sprach der Graf, indem er sie näher zu den Särgen führte, „denn die Gruft ist noch weit älter als das Schloß. Sie müssen nämlich wissen, Fräulein, unsere Ahnen waren echte Raubritter und lebten mit ihren Nachbarn in beständiger Fehde. Gewöhnlich waren sie auch Sieger, doch im. Jahre 1358, da zog ein Günther von Waldensee doch einmal den Kürzern und fein Gegner brannte ihm das Raubnest nieder. Doch mein edler Vorfahre flüchtete mit seinen Schätzen hier herunter zu den Leichen, und sein Sohn, Hans Michel von Waldensee, erbaute kurz darauf unser jetziges Schloß." Jakobine bemühte sich, ihre Erregung zu vemeistern und ein Interesse an den Tag zu legen, das sie in Wirklichkeit nicht empfand. Sic stellte einige Fragen, auf die der Graf bereitwilligst mit Erklärungen antwortete. „Ueberzeugen Sie sich selbst, Fräulein, daß das Einbalsamiren der Leichen in diesem Gewölbe vollkommen überflüssig ist. Sehen Sie, diese hier ist zweihundert Jahre alt und nicht einbalsamirt, und doch wie wohlerhalten." Er hob bei diesen Worten den Deckel eines Sarges empor, und die in Wirklichkeit außerordentlich wohlerhaltene Leiche emes Ritters in alterthümlicher Tracht ward sichtbar. Ein halbunterdrückter Schrei entfuhr den Lippen feiner Begleiterin; es war die erste Leiche, die sie je gesehen, und zitternd lehnte sie an des Grafen Arm. Dieser schien an ihrer Erregung, die das holde Mädchen so fest sich an ihn schmiegen ließ, sich zu weiden. „Sehen Sie diese Herkulesglieder," sprach er, auf die in der That athletischen Formen des einstigen Ritters deutend, „und da ist auch nicht die leiseste Spur von Verwesung. Fünfzig Jahre müssen die Särge, die hier beigesetzt werden, hermetisch geschlossen bleiben, dann sind ihre Insassen gegen Fäulniß gesichert. Ich betrachte es in Wahrheit als Wohlthat, den menschlichen Körper, das Meisterwerk der Schöpfung, der Vernichtung zu entziehen. Darum finden wir auch bereits bei den ältesten einigermaßen civilisirten Völkern diese Kunst cultivirt. Wie denken Sie darüber, Fräulein?" „Das weiß ich wirklich nicht." flüsterte Jakobine, „ich habe in meinem ganzen Leben über dergleichen noch nicht nachgedacht." „Nicht? Das wundert mich in der That. Der Erzvater Jakob ist doch s^on einbalsamirt worden. Das wird Ihnen doch aus der Bibel bekannt sein." „Aus der Bibel?" wiederholte Jakobine, durch die Nähe der Leichen mehr und mehr erregt, „ich weiß in der That nicht —" „Nichr?" fragte der Graf erstaunt, „ist Ihnen die Bibel nicht bekannt, Fräulein Grünfeld?" Jakobine fuhr zusammen, es war zum erstenmal im Leben, daß sie sich mit diesem Namen angeredet hörte und dunkle Gluth überzog im Moment ihr ausdrucksvolles Antlitz und lic ■ sie in den Augen ihres Begleiters doppelt reizend erscheinen. Waldensee war nicht im Stande, den Blick von ihr zu wenden, doch reuten ihn seine spöttelnden Worte und fürchtete er ernstlich, sie erzürnt zu haben. „Pardon, mein Fräulein!" flehte er, „ich habe Sie verletzt, aber —" „Mich verletzt, Herr Graf?" rief Jakobine, indem sie unwillkürlich ihren Arm aus dem des Grafen zog und nun hoch aufgerichtet ihm gegenüberstand und ihm voll und fest in's Antlitz schaute. „Ich wüßte in der That nicht, wodurch Sie mich verletzt zu haben glauben. Ich schäme mich weder meines Namens noch meiner Abstammung," fügte sie hinzu, die Locken stolz zurückwerfend. „Nur auf ausdrücklichen Wunsch Ihrer hochverehrten Mutter führe ich den Namen, mit dem Sie mich bisher genannt. Aber Ihre Excellenz werden es mir bezeugen, daß es bis vor Kurzem meine Absicht war, demnächst meinen eigenen Namen wieder anzunehmen." „Sie sind im Recht," entgegnete der Graf leicht. „Ihr Stammbaum ist doch noch um mehrere Jahrtausende älter als der unsere." Seltsam, nie im Leben hatte Jakobine über die Religion oder über die Nation nachgedacht, der sie den Rücken gewandt hatte; aber in dem Ton des Grafen glaubte sie eine Art von Hohn zu gewahren und diese Wahrnehmung stachelte ihr Selbstgefühl. Ihre Umgebung hatte plötzlich alles Unheimliche für sie verloren'und unbefangen lehnte sie an den geöffneten Sarg.

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