Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1879)
- Date
- 1879-04-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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409 „Sie scherzen, Herr Graf, und dennoch enthalten Ihre Worte Wahrheit. Mit welchem Stolze blicken Sie zurück auf Ihre Ahnen, die Sie mir soeben als Raubritter bezeichnet und sollte nicht mich zum mindesten ein ähnlicher Stolz erfüllen, wenn ich der Gruft meiner Ahnen gedenke, der ersten Gottesdiener?" „Stolz sind Sie," erwiderte Günther, jede Bewegung des erregten Mädchens mit glühenden Augen verfolgend. „Aber ich muß Ihnen doch noch einen Vorfahren vorstellen, für den Sie sich sicher interesstren werden. Das heißt, ich kann ihn nicht gerade buchstäblich als meinen Vorfahren bezeichnen, denn er starb unvermählt. Kommen Sie —" Er schritt voran bis zur hintersten Sargreihe und hob dort von, einem etwas seitwärts stehenden Katafalk den Deckel. „Sehen Sie hier den Ritter Friedrich von Waldensee. Er war ein Tempelherr, wie Sie noch an dem weißen Mantel, der ihn umhüllt, erkennen können. Und wissen Sie, Fräulein, warum er das Kreuz genommen?" „Wie sollte i^ das wissen?" entgegnete Jakobine . „Ihre Excellenz bat mich mit dem Stammbaum der Grafen Waldensee nicht bekannt gemacht." „Ich zweifle sogar, daß meiner Mutter dieses bekannt ist, aber Sie, Fräulein, wird es interessiren. Ein Ritter Günther von Waldensee lebte am Hofe eines kleinen Fürsten in der Rheingegend, fein Sohn, eben dieser Friedrich von Waldensee, den wir als Mumie hier vor uns sehen, hatte die Bekanntschaft einer schönen Jüdin gemacht und war in so heftiger Liebe zu ihr entbrannt, daß er, wie die Chronik erzählt, fest entschlossen war, sie zu seiner rechtmäßigen Gattin zu erheben. Allein das Mädchen, obgleich sie die Liebe des Ritters erwiedert haben soll, soll nicht zu bewegen gewesen sein, den hochherzigen Antrag des Ritters anzunehmen und zwar aus dem seltsamen Grunde, weil sie ihrem Glauben nicht entsagen wollte. Hätten Sie das für möglich gehalten?" Jakobine war glühend roth geworden, sie preßte die Lippen fest aufeinander. „Und wie treu der Ritter seiner Liebe blieb!" fuhr der Graf fort, indem er den Deckel wieder auf den Sarg legte. „Obgleich der Aelteste seines Hauses, war er nie zu bewegen, in den Ehestanzu treten, er zog als Tempelherr gegen die Und gläubigen zu Feld und hat doch selbst —" „Eine Ungläubige geliebt;" fiel Jakobine, sich zur Heiterkeit zwingend, lachend ein, „das ist in der That seltsam. Da scheint der Ritter von Waldensee die Jüdin doch nicht als Ungläubige betrachtet zu haben; er muß ganz eigenthümliche Ansichten gehabt haben." „Ganz eigenthümliche," stimmte Günther bei, indem er den Arm des jungen Mädchens wieder in den seinen zog. „Ich werde nimmer Tempelherr, nimmer!" und dabei drückte er wie vorhin ihre Hand an seine Brust. Jakobine zog hastig ihren Arm zurück. ' „Das würden Ihre Excellenz auch nimmer zugeben. Und überdieß," fügte sie lachend hinzu, „gibt es doch heute keine Tempelherren mehr." „Gleichviel," entgegnete Günther hastig athmend, „und wenn ich jener Friedrich von Waldensee gewesen wäre, ich wäre auch nie Tempelherr geworden. ich hätte das Mädchen zu zwingen gewußt," fügte er mit geschlossenen Zähnen hinzu. „Warum nehmen Sie meinen Arm nicht, Fräulein? die Stiegen sind schlecht erhellt." „Ich hatte immer geglaubt, die Grafen von Waiden,ee wären auch Ritter," versetzte Jakobine, indem sie ihre Fingerspitzen auf den ihr dargebotenen Arm legte und mit ihm die Stiegen hinanschritt. Er versuchte ihre Hand weiter hinaufzuziehen, sie machte es ihm unmöglich, indem sie ihren Arm fest an sich drückte. „Warum stützen Sie sich nicht besser? die Stiegen find schlecht. Sie könnten einen Fehltritt thun." „O, ich fürchte mich nicht, ich gehe sicher." Es war ein eigenthümlicher Ton, in dem sie beide Rede und Gegenrede wechselten, und Jakobine athmete erleichtert auf, als sie die oberste Stufe überschritten und den Haushofmeister in der Kapelle seines Gebieters harrend erblickte. „Hier, Alter, hast Du die Schlüssel wieder, die dort unten lassen Dich vielmals grüßen." Der alte Mann lächelte devot. „Haben der Herr Graf Alles in Ordnung gefunden?" „Alles, Alter, kannst unbesorgt sein. Rur einmal kam es mir vor, als ob der Tempelherr dort unten sich in seinem Sarge herumgewälzt habe. Haben Sie es nicht bemerkt, Fräulein v. Thalheim?" „Rein," versetzte das junge Mädchen, frostig lachend; der alte Haushofmeister aber entsetzte sich ersichtlich. (Fortsetzung foigt.)