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Der Israelit · 1879-04-16 · Heft 16 (16.4.1879) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 16 (16.4.1879)
Date
1879-04-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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399 sich nicht, aber es fordert den Neid heraus, es ist der Ruf, den wir auch auf einem andern Gebiete hören, wo die Arbeit gegen das Kapital gehetzt wird. Aber in dem Zusammenhänge, in welchem hier dieser Satz aufgestellt wird, ist es mehr als das Aufstacheln des Neides, mehr noch als eine Drohung, es ist ein Vorwurf, es ist eine Anklage: „Die Juden werden immer reicher," wieso? Der Nachsatz gibt die Antwort: „die Christen immer ärmer". Reichwerden der Juden, Armwerden der Christen, Ursache und Folge; wer hier den Causalnexus nicht herausliest, wer nicht herausfindet: die Juden beuten die Christen aus, bereichern sich auf deren Kosten, und wer nicht den versteckten Hinweis auf die unerlaubten Mittel sieht, durch welche eine solche Wechselwirkung erzeugt wird, der versteht nicht zu lesen. Ist es denn aber wahr, was der Verf. als so ausgemacht hinstellt? Um uns die Wahrheit dieses Satzes glauben zu machen, dazu hätte der Vers, erst statistisches Material sammeln müssen, solches sich zu verschaffen, möchte ihm aber wohl schwer halten. Daß Juden reicher geworden sind und reicher werden, beureiten wir nicht, so wenig das Jemand bestreiten könnte, daß Christen reicher geworden und reicher werden, daß aber auch Juden ärmer geworden, wird wohl Jeder zugeben, der unter Juden wohnt, wie es nichts Wunderbares ist, daß auch Christen ärmer geworden; aber hier die Juden den Christen in Bezug auf Wachsen oder Abnahme des Reichthums gegenüberstellen zu wollen, ist, wenn nicht ein in böswilliger Absicht aufgestelltes Axiom, einfach ein Unsinn, mit welchem man höchstens Gimpel fangen kann. Es kann zugegeben werden, daß dem Anscheine nach die Juden über ungemessene Reichthümer verfügen , daS ist aber nur dem Scheine nach, die Reichthümer der Christen entziehen sich mehr der Oeffentlichkeit und zwar aus sehr natürlichen, naheliegenden Gründen. Wir wollen es dahingestellt sein lassen, ob die Juden ihrem Naturell nach mehr Hinneigung zum Handel haben; es wird das zwar sooft aus. gesprochen, aber weniger erwiesen. Wir wollen nur ganz nebenbei bemerken, daß als die Juden noch in Palästina wohnten, die meisten von ihnen Landwirthschaft und Viehzucht, ein großer Theil das Handwerk und die verhältnißmäßig Wenigsten den Handel betrieben. Doch es sei, wie man gewöhnlich glaubt, es ist ja keine Schande, ein guter, in jeder Beziehung guter Geschäftsmann zu fein. Das aber steht fest, daß wenn auch diese Handelsneigung nicht vorgeherrscht hätte, die Zeiten der Verfolgung schon allein genügt hätten, den Juden zu veranlassen, sich des Handels als seiner Domäne zu bemächtigen. Die Zahl der Handwerke, die sie ausüben durften, war beschränkt, sie wurden in eine Zunft nicht zugelassen, Ländereien konnten sie nicht erwerben, die Hochschulen waren ihnen bis auf das Medicinstudium verschlossen; was sollten sie anders treiben als Handel und Geldgeschäfte, um nicht allein ihre Existenz zu fristen, sondern stöts roße Summen bereit zu haben, den Schutz ihres ebens sich von Hoch und Niedrig zu erkaufen. So haben nun die Juden fast keinen Ländereibesitz, wenig Fabriken, alle diese großen Etablissements, die Ländereicomplexe, die einen großen Reichthum repräsentiren, sind in nichtjüdischen Händen, hier tritt der Reichthum nicht so zu Tage, wie bei den Juden, deren Firmen täglich bei Anlehen als Zeichenstellen in den Zeitungen gelesen werden. Daß die Juden im Ganzen wohlhabender erscheinen als die Christen, liegt darin, daß sie kein Proletariat unter sich aufkommen lassen, während das Proletariat unter den Christen den Anschein gibt, als ob deren Armuth zunehme. Wir wollen uns näher erklären. Es ist kein Zweifel, würde man das Geld, das in christlichen Händen ist, besonders abzählen und ebenso das in jüdischen Händen, so wird die Summe jenes Geldes sicher nicht allein an sich, sondern auch verhältnißmäßig mehr sein, als dieses. Würde man aber die christlichen Armen von jetzt mit der Zahl derer von vor 20 Jahren vergleichen, so wird zweifelsohne eine verhältnißmäßige Abnahme stattgefunden haben; von einem Aermerwerden der Christen kann nicht die Rede sein. Die Juden haben kein Proletariat, haben bis jetzt wenigstens ein solches nicht gehabt. Das Elend, das nicht allein dem Menschen seine Spuren auf das Gesicht aufdrückt, sondern ihn unter das Thier sinken läßt, existirt bei den Juden nicht, weil man demselben von früh her schon mit dem zu begegnen verstand, was die Neuzeit als Waffe gegen denselben gebrauchen will. Schon unter den Juden früh gegründete Hilfskassen verschiedener Art hatten auch schon ohne die sprichwörtlich gewordene Privatwohlthätigkeit der Juden dem Entstehen eines Proletariats wirksam entgegengearbeitet. Dazu kommt noch, daß selbst zur Zeit des größten Druckes, wo unter Nichtjuden Lesen und Schreiben eine seltene Kunst war, der Jude nicht ohne Wissen heranwuchs, war es auch nicht die Literatur des Volkes, unter dem er lebte, die er kennen lernte, war es auch nicht des Volkes Schrift, deren er sich bediente, so konnte er doch immerhin schreiben, er konnte doch immerhin lesen, und zwar lesen ein Buch und solche Worte, die nicht allein seine ganze Geistesthätigkeit herausforderten, sondern ihm den Schatz des BildungS- und Erziehungsmaterials boten, welche-

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