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Der Israelit · 1879-04-02 · Heft 14-15 (2.4.1879) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 14-15 (2.4.1879)
Date
1879-04-02
Page
– (sequence 22)
Language
German
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378 Der Aufenthalt in Schlosse Waldensee schien jedoch keinen besonders günstigen Einfluß aus das Befinden der Gräfin zu üben. War es, weil sie seit dem Tode ihres Gemahls dessen Stammschloß nicht mehr betreten, oder war die Lust dort oben ihr zu scharf oder zu dünn, oder war es die freudige Erregung über den bevorstehenden Besuch ihres Sohnes, oder waren es alle diese Umstände vereint. Thatsache war es, daß Jakobine ihre freundliche Gönnerin noch nie so erregt gesehen. Eine seltsame, ihr selber unerklärliche Angst hatte die alte Dame befallen; es genügte ihr nicht mehr, daß die Thür zu Jakobinens anstoßendes Zimmer Nachts offen blieb, sie ließ ein Bett für das junge Mädchen in ihr eigenes Zimmer stellen. Je näher die Stunde rückte, in der sie den Sohn erwarten konnte, desto aufgeregter ward sie; ihre Umgebung begann ernstlich für sie zu fürchten; dennoch bestand sie daraus, in der Schloßkapelle die Messe zu hören. Jakobine begleitete sie wie gewöhnlich; sie pflegte sich an der Andacht ihrer Gönnerin in so ferne zu becheiligen, als sie neben ihr am Altar kniete und gleich ihr Gebete flüsterte. Eben hatte die Gräfin ihr Gebet beendet und war im Begriff, mit ihrer Begleiterin die Kapelle zu verlassen, als die Schloßglocke ertönte. Unwillkürlich blieben beide stehen und lauschten. Von draußen vernahm man reges Leben, Diener rannten hin und her. „Es ist mein Sohn! mein Sohn!" ries die Gräfui zitternd vor Freude, „sein Wagen fährt jetzt den ^chloßberg hinan, und Schloß Waldensee bewillkommt seinen Gebieter. Laß uns eilen, geschwind, geschwind!" Und wie mit jugendlicher Hast eilte sie hinaus aus der Kapelle, durch die lauge Säulengallerie, an deren Ende die Schloßtreppe sich befand. Jakobine vermochte kaum Schritt mit ihr zu hallen. Schon vernahm man Schritte aus der Marmorsliege. „Günther! Günther!" rief die Gräfin und wenige Augenblicke daraus lag sie in den Armen ihres Sohnes. Jakobine hielt sich in bescheidener Entfernung. Der Gras hatte seine Mutter in ihr Boudoir zurückgeleitet; das junge Mädchen begab sich von der anderen Seite in ihr Zimmer und war eben im Begriff die Verbindungsthür zum Zimmer der Gräfin zu schließen, um nicht unwillkürlich Zeuge der Unterhaltung zwischen Mutter und Sohn zu werden, als Erstere ihrer ansichtig wurde. „Jakobine!" rief sie, „willst Tu denn meinen Sohn nicht begrüßen?" „Jakobine", wiederholte der Graf, indem er zur Erde niedersah, als erwarte er, ein kleines Mädchen hereinhüpfen zu sehen. „Willkommen, Herr Graf," sprach Jakobine sich leicht verneigend. Waldensee wandte sich hastig um und blickte voll Staunen aus die hohe reizende Mädchengestalt, deren Gruß er fast unwillkürlich erwiederte, und dann schaute er fragend hin zur Mutter. „Ah, Du kennst meine Jakobine nicht mehr?" ries die Gräfin heiter lachend. „Jakobine?" fragte der Graf überrascht, „ah Pardon, Fräulein von Thalheim, nein, beim Himmel! ich hätte Sie nicht wieder erkannt." Thalheim war der Name, unter welchem die Gräfin ihren Sckützling ihren Freunden und Bekannten als eine Tochter einer weitläufigen Verwandten vorgestellt, und auch ihr Sohn hatte sie unter diesem Namen kennen gelernt. Ter Graf hatte vor drei Jahren das junge Mädchen kaum beachtet, nun aber schgute er mit so unverholener Bewunderung zu ihr hinüber, daß sie errötheud den Blick zu Boden senkte. Er gewahrte es, und als weltgewandter Eavalicr wußte er ihre momentane Verlegenheit rasch wieder schwinden zu machen, indem er einen so achtungsvollen und dabei so harmlosen Ton ibr gegenüber annahm, daß sie sich bald ganz unbefangen in seiner Gegenwart fühlte. Sie mußte viel mit ihm zusammen sein, denn auch in Anwesenheit ihres Sohnes wollte die auch jetzt noch etwas leidende Gräfin sie nur selten missen; Niemand verstand es wie sie, es der Gräfin behaglich zu machen. Je näher der Graf das schöne Mädchen kennen lernte, desto unauslöschlicher ward der Eindruck, den sie ans ihn gemacht batte, denn Jakobine war nicht nur schön, sie war auch geistvoll und hochgebildet, konnte so kindlich und heiter scherzen, ibr Helles frisches Lachen erschien ihm wie Musik, und sie hatte sich trotzdem eine völlig selbstständige Ansicht über die Zeitverhältnisse gebildet und wußte dieselbe klar und beredt jedem Angriffe gegenüber zu vertheidigen. „Mama," sprach Graf Günther eines Tages zu seiner Mutter, als er sich mit dieser allein befand, „von welchen Thalheimö stammt Jakobine eigentlich, von der älteren oder jüngeren Linie?" Die Gräfin blickte lächelnd zu ihm ans. „Warum fragst Tu, mein Sohn?" Der Graf antwortete nicht sogleich; er schritt einigemal hastig im Zimmer aus und nieder, dann blieb er vor der Mutter stehen, die ihn kopfschüttelnd betrachtete. „Tie Thalheims sind ein altes Geschlecht," begann er endlich, „namentlich die ältere Linie ist vom reinsten Adel und wenn sie auch in ihren Vermögensverhältniffen heruntergekommen sind, als Mesalliance könnte doch kein Edelmann eine Verbindung mit einer Baronesse Thalheim betrachten. Darum wäre cs mir außerordentlich angenehm, wenn die Familie Deiner schönen Pathin der ältern Linie angehörte." Die Gräfin schüttelte das Haupt. „Nein," sprach sie leise, „Jakobine ist keine Baronesse Thalheim." „Aber sie ist entzückend, bezaubernd!" rief der Gras erglühend, „und wie sie Dich liebt, Mama, wie sie Dich hegt und pflegt und nur für Dich zu leben scheint

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