Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 14-15 (2.4.1879)
- Date
- 1879-04-02
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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379 — und wenn sie auch nur ein armes Edelfräulein ist, Mama, könntest Tu Dir eine liebere Schwiegertochter wünschen?" „Es ist wahr," erwiedertc die Gräfin gepreßt, „ich habe Jakobine sehr, sehr lieb und begreife vollkommen Deine Bewunderung für sie — trotzdem mein ^Lohn, mußt Du jeden Gedanken an eine Verbindung mit ihr Dir aus dem Sinne schlagen." „Mama!" „Ruhig, Günther, höre mich an. — " Doch es war keine so leichte Sache, den jungen verliebten Feuerkopf, der seinen Entschluß bereits gefaßt zu haben schien, zum ruhigen Zuhören zu bringen. Endlich gelang cs ihr jedoch und unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit theitte sie dem Sohne das Geheimniß der Herkunft ihres Schützlinges mit. Sie hatte gefürchtet, er werde aufbrausen, in Verzweiflung gerathen — doch Graf Günther wußte sich zu fassen. „Wer das hätte ahnen können!" sprach er kopfschüttelnd, „diese stolze königliche Haltung, diese prachtvollen hellblonden Locken, ganz so wie wir sie auf den Portraits der Ritterfräuleins aus dem Mittelalter so häufig finden — und das alles sollte einem Judenmädchen —." „St! st!" flüsterte die Gräsin ängstlich um sich blickend, „Günther, vergiß nicht, daß Tu mir Schweigen gelobt hast. Was würden unsere Freunde sagen, wenn sie erfahren würden, daß sie die Tochter eines armen Juden bisher als ihresgleichen betrachtet." „Ach was," lachte der Graf, „mag ihre Mutter nun Jüdin oder Heidin sein, sie ist das schönste Mädchen, das die Erde trägt. Aber Du hast recht, Mama, Gräsin Waldensee kann sic nicht werden." Die Gräfin athmete erleichtert auf. „Ich bin hocherfreut, mein Sohn, daß Du so vernünftig darüber denkst." Graf Günther zuckte die Achseln: „Que faire maman? nobiesse oblige.“ Die Gräfin war in Wahrheit entzückt über die Einsicht und Kaltblütigkeit ihres Sohnes. „Jakobine ist in der That ein liebreizendes Mädchen, und ich begreife, daß es Dir ein wirkliches Opfer ist, aus sie verzichten zu müssen. Doch es mag Dir dieses Opfer einigermaßen erleichtern, wenn ich Dich versichere, daß es mir geradezu unmöglich wäre, sie zu entbehren, was ich doch müßte, wenn sie Baronesse Thalheim wäre und sie Deine Gattin werden sollte. So aber wird sie immer bei mir bleiben; so lange ich lebe, darf sie mich nicht verlassen, dafür beabsichtige ich jjedoch ihr in meinem Testament ein anständiges Kapital zu vermachen. Du hast doch nichts dagegen, Günther?" Der Graf wollte eben seine Zustimmung aussprechen, als Jakobine in's Zimmer trat. Sie überreichte der Gräfin einen prachtvollen Strauß, in dem die Liebkingsblumen der alten Dame prangten. „Dank Dir, unein liebes Kind," erwiederte diese, indem sie das junge Mädchen, das ihre Hand an die Lippen gezogen hatte, auf die Stirn küßte. „Wie herrlich das duftet," sprach Günther die schöne Blumenspenderin mit glühenden Blicken betracktend, „aber sageil Sie mir nur, Fräulein von Thalheim woher nehmen öic im Oktober die wundervollen Rosen?" „Es sind Monatsrosen," erwiederte Jakobine, „der Herr Graf wissen doch, wie sehr Excellenz die Rosen lieben. —" „Davon weiß Günther nichts," fiel die Gräfin lachend ein, „der hat die Launen seiner alten Mama nicht so ftudirt wie Du, mein süßes Herz." „Du kannst doch nicht von Alter reden, Mama," sprach der Graf sich erhebend. „Aber von Launen doch noch weniger," fügte Jakobine hinzu. „Wenn alle Menschen so frei von Launen wären, wie Excellenz —" „Dank Euch, Kinder," erwiederte geschmeichelt die alte Dame, „und um Euch zu zeigen, daß ich in Wirklichkeit strebe, lnich frei von Launen zu halten, will ich Euch mittheilen, daß ich mich entschlossen habe, Deinem Wunsche, mein Sohn, zu entsprechen und die morgige Jagd im Wagen zu begleiten." „Das ist in der That eine herrliche Idee, Mama und Fräulein von Thalheim?" „Nun, Jakobine fährt mit mir, das versteht sich von selbst." „Das ist herrlich," jubelte Jakobine, „ich habe noch nie einer Jagd beigewohnt." „Du bist noch nicht achtzehn Jahre alt und hast daher gar mancherlei noch nicht gesehen, aber es freut mich, daß es Dir Vergnügen macht." „Haben Sie schon unsere Ahnengruft gesehen, Fräulein?" fragte der Graf. Sie verneinte: „Ich habe überhaupt noch keine Gruft* gesehen." „Dann dürfte eS Sie wohl interessiren, die unsere in Augenschein zu nehmen. Es ist vor kurzem dort unten eine Reperatur vorgcnommen worden, die ich jetzt eben ansehen wollte. Wenn es Ihnen gefällig ist, Fräulein, so wird es mir ein Vergnügen sein, Sie hinunter zu geleiten." . Jakobine erröthete, die Aufforderung war ihr nicht willkommen; sie hatte eine Scheu vor Leichen und Gräben:, doch schämte sie sich dieses einzugestehen. „Sie sind sehr gütig, Herr Graf; ich fürchte jedoch Excellenz könnten mich vermissen." „Nicht doch, Kind, so pretentiös bin ich doch nicht, daß ich Deine Gegenwart nicht auf ein halbes Stündchen würde entbehren wollen." „Aber Excellenz sollten gar nie etwas entbehren." „Geh' nur, Kind, geh', oder Günther wird mir grollen, daß ich ihn Deiner Gesellschaft beraube."