Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 14-15 (2.4.1879)
- Date
- 1879-04-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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366 die das Recht ihrer Mitgliedschaft von der Geburt abhängig machte, wie ja viele solcher Gesellschaften, namentlich adlige, im deutschen Reiche existiren, ohne daß diese Gesellschaften als besondere Nationalitäten angesehen werden. Aber die ganze Prämisse ist nicht wahr — in die Religionsgesellschaft der Juden kann Jeder ohne Unterschied seiner Herkunft Aufnahme finden, das Judenthum gestattet die Aufnahme der Proselyten. ein ganzer Tractat einer talmudischen Schrift behandelt diese Materie; aber das Judenthum „macht' keine Proselyten, d. h. es geht nicht auf Seelenfängerei aus, es erachtet die jüdische Religion nur für die im Judenthum Geborenen für verbindlich und will Keinem seinen Glauben aufdringen, es erkennt jedes religiöse Bekenntriiß, das Gott zum Inhalt hat, als ein zu achtendes an, denn es betrachtet sich nicht als das Gefäß des alleinseligmachenden Glaubens, es stellt vielmehr den großen Grundsatz auf, daß jeder brave, sittlich-reine Mensch unter den Nichtjuden der ewigen Seligkeit theilhaftig werde. (Sanh. 29a.) Aus diesen Gründen fördert nicht allein das Judenthum das Proselytenmacher! nicht, sondern sucht Solche, die Juden werden wollen, von diesem Schritte zurückhalten; kann Jeder in seinem Glauben Vollkommenheit und ewige Seligkeit finden, zu welchem Zwecke sollte ein Schritt gethan werden, der die Zahl der Pflichten vermehrt und die Freiheit der Bewegung mehr einengt? Weiß man ja, wieviel Unglück unseliger Bekehrungseifer schon gebracht, wie oft er den stillen, glücklichen Frieden' in Familien gestört, so sollte man es dem Judenthum danken, daß es sich gegen die Proselytenmacherei abwehrend verhält. Daß aber das Judenthum sich vollständig gegen die Aufnahme Fremder abschließe. daß es Demjenigen, dem es eine Herzenssache ist, Jude zu werden, — nicht dem, welcher die Religionen wechselt, wie man den Rock wechselt — den Eintritt verweigere, ist unwahr. Hatte doch die Judenheit zu allen Zeiten bis auf die Gegenwart Proselyten in ihrer Mitte, von denen einige zu großer Berühmtheit gelangt sind, wie z. B. Semajah und Abtalion, die Lehrer Hillels und Schammai's, und Aquilas, einer der Bibelübersetzer. Möglich, daß Am-Rhyn, da er urgirt, daß nicht „Jeder ohne Unterschied seiner Herkunft" Aufnahme im Judenthum finde, ein biblisches Verbot im Auge hatte, das Mizraiten, Amoniten und Moabiten von dieser Aufnahme ausschließt sDeuter. C. 22); doch ist dieses Verbot nicht allein jetzt, sondern schon vor zwei Jahrtausenden gegenstandslos geworden, da wie der Talmud hervorhebt (Berachoth 28a.) durch den Kriegszug des Sanherib ein Durcheinanderwerfen von Völkerschaften stattgefunden, das die alten Nationalitäten aufgehoben hat. Somit wäre es also selbst nach Am-Rhyns Anschauung nichts mit dem Dogma (auch radikale Leute, die an Dogmen nicht glauben, stellen oft gern solche auf) der „Nation in der Nation", und so könnte denn doch der Jude nach den eigenen Worten des genannten Herrn Ver. fassers Jude und zugleich Deutscher sein. Wenn es aber dem Verfasser wirklich Ernst mit dem Ausspruch gewesen wäre, daß die Juden, wenn sie nur eine Religionsgesellschaft nicht eine Nation bildeten, d. h. wenn sie (wie der Verf es ja eben auffaßt) sich entschließen könnten, Fremde unter sich aufzunehmen, sie dann ebenso gute Deutsche wie die sonstigen Angehörigen irgend eines Bekenntnisses sein könnten: so begreift man nicht, wie er dazu kommt, bei dem Entweder-Oder, das er ihnen in Aussicht stellt, den Rath zu ertheilen, sich als theistische Kirche zu constituiren. Was haben die Speiseverbote, Feiertage rc. rc. mit der Stellung der Juden als Staatsbürger zu thun? Ja, ja, die Juden sollen es büßen, daß sie es wagen, gute Bürger sein zu wollen, ohne Schweinefleisch zu genießen! Fremde sind die Juden, das ist der Grundgedanke der Deductionen des frei* sinnigen Verf.. und sie bleiben Fremde so lange sie nicht ihrer jüdischen Religion entsagen. Was wir bis jetzt vom Verf. gehört, ist jedoch noch ziemlich harmlos gegen das, was er im weiteren Verlaufe seiner' Betrachtungen anführt. Durch falsche Voraussetzungen, durch irrige Auffassung von dem Wesen des Judenthums konnte der Verf. auf die irrige Annahme einer Sondernationalität geführt werden, die besonderen Sitten der Juden mögen einem Manne von radikaler Denkweise ein Stein des Anstoßes fein; man kann ja Niemanden seine Gedankenrichtung vorschreiben, es steht hier Ansicht gegen Ansicht. Gehen aber die Gründe aus, und greift man zur Entstellung von Thatsachen, fängt man an, Verhältnisse zu erfinden, um den Gegner zu discreditiren, fordern Haß und Neid die Schwächen der Menschen heraus, regt man die Leidenschaften auf, begibt man sich auf die Arena des Aufhetzens der Klassen gegen einander: dann ist man nicht mehr ernster Forscher, sondern schließt sich denen an, die ihre Lebensaufgabe in der Arbeit des „Umsturzes" der bestehenden Verhältnisse erkennen, und ist endlich an den Punkt angelangt, wo man keinen Anspruch mehr auf die Achtung vor einer wissenschaftlichen Ueberzeugung stellen kann, denn die Wissenschaftlichkeit hat dem Fanatismus Platz gemacht.