Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 14-15 (2.4.1879)
- Date
- 1879-04-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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362 Der Stein trägt die nachfolgende, vergoldete Inschrift: •jnay lsn ’D :pyin -vpo , ntcnnpn r«tn p«n .1521N' msy nw rrjux ns< „Dieser aus dem heiligen Lande gebrachte Stein ruft uns aus der Mauer entgegen: „„Es lieben Deine Diener ihre (Zion's) Steine und denken ihres Staubes wehmuthsvoll."" (Psalm 102, B. 15.) Die feierliche Einweihung der Synagoge wird wahrscheinlich am 4. Siwan (26. Mai), zwei Tage vor dem Wochenfeste, stattfinden. Rumänien. Bukarest, 13. März. Die Judenfrage ist gestern endlich, wie man der „Polit. E." schreibt, bei einer Art von Ruhepunkt angelangt, indem nunmehr auch der Senat die von der Regierung gewünschte unmotivirte Deklaration angenommen hat, womit die Nothwendigkeit ausgesprochen wird, den Artikel VH. der Verfassung der Revision zu unterziehen. Die Annahme erfolgte mit 41 gegen nur 6 Stimmen. Die Debatten im Senate hatten drei, jene in der Deputirtenkammer vier Tage in Anspruch genommen und in letzterer war es offenbar die Rede des Ministerpräsidenten Joan Bratiano, welche in den weitesten Kreisen Aufsehen erregte und die verschiedenartigsten Auslegungen erfuhr. Bratiano führte in zweistündiger, häufig durch stürmische Beifallsrufe unterbrochener Rede Folgendes aus: Die Judenfrage ist die größte und schwierigste Frage, die Rumänien je zu lösen hatte; dieselbe wurde dem Lande nicht nur durch den Berliner Tractat allein, sondern auch durch die Macht der Verhältnisse auferlegt; denn sie ist eine soziale, ökonomische, nationale, internationale und eine Frage der Sitten und Gebräuche, die schon seit längerer Zeit jeden Denkenden mit Sorge erfüllt habe. „Kann nun Europa von uns verlangen, daß wir diese Frage mit einem Federzuge lösen sollen? Wie viele Jahrhunderte sind dahin gegangen, bis Europa diese Frage für sich löste, und wann hat es dieselbe gelöst? Nach Jahren des Fortschrittes und auch da erst dann, nachdem es, durch Feuer und Schwert durchpassirend, den größten Theil seiner Juden sich vom Halse geschafft hatte". Aus diesem Grunde habe denn auch der Berliner Kongreß den Antrag auf die Lösung der Frage verworfen und nur einfach einen Artikel statuirt, in welchem „blos das Princip, aber durchaus nicht irgend eine Lösung" enthalten ist. Könne denn Jemand glauben, daß Europa, trotz aller Jntriguen, es nicht schon längst begriffen habe, daß es von den Rumänen ein Selbstmord sein würde, wenn sie bei einer eingebornen Bevölkerung von 5 Millionen und einer Anzahl von 500,000 Israeliten, allen diesen Israeliten heute in Masse das Jndigenat geben würden? Selbst; Europa könne eine solche Verpflichtung nicht auferlegen.;• Wenn in den Parlamenten von Wien, Paris, Berlin,! London und Rom Deputirte israelitischer Eonfession j sitzen, so sei dies nur ein Vortheil für jene Staaten, j weil jene erleuchteten Israeliten ihre ganze Intelligenz,! ihre ganze Aktivität dem Dienste jener Länder weihen,! während die hiesigen Juden in der Cultur noch ganz j zurück seien und man unter denselben keinen einzigen j Dichter, keinen Musiker, keinen einzigen Gelehrten, keinen; Großindustriellen, keinen einzigen Mann der Wissen- | schaft finde. Dieser letztere Passus hat unter den hiesigen j Israeliten einen wahren Sturm der Entrüstung hervor- | gerufen, weil der Inhalt desselben notorisch bekannten i Thatsachen geradezu entgegen ist. Wie könnte also unter . solchen Verhältnissen irgend Jemand glauben, daß Europa daher kommen und uns die Pflicht auferlegen werde, den Juden in Masse Thor und Thüre des Landes zu! öffnen? Die Lösung der Judenfrage kann nicht schneller, I als höchstens vielleicht erst in einem halben Jahrhundert i herbeigeführt werden". Bratiano deducirte sodann, daß j auch die von der Fraction und der Gruppe Verneseu [ beantragte Lösung im Wege der individuellen Jndigenats- : Verleihung gar keine Lösung sei, denn es würde sich! eines schönen Tages ergeben, daß Einer mit einer Liste i von 5000 Juden daherkäme, welche in einer Sitzung! votirt werden müßte, „und wenn man sage: 5000 Ju- I den, so kann man auch sagen: 1000 Juden". Tie! einzige Rettung aus der drohenden Gefahr, von den j Israeliten überfluthet zu werden, erblickt Bratiano in! solchen Institutionen und solchen Gesetzen, die die ernstesteir j Maßregeln enthalten, um unsere socialen, ökonomischen, i nationalen und politischen Interessen vor jeder Gefahr | zu schützen und zu schirmen. — Graf Andrassiy sagte! mir eines Tages, wenn einige Mächte der Schwierigj fett der Judenfrage in Rumänien nicht Rechnung tragen, so kenne doch er einerseits als unser Nachbar die Verhältnisse und begreife und würdige, diese Schwierigkeiten. Ich hatte daher nicht nothwendig' irgend ein Engagement zu übernehmen (wie die Moldauer Fraktion Bra- > tiano insinuirt), weil Gras Andrassy über die Schwie-! rigkeiten mit mir einig ist, die diese Frage involvirt". j Aus der gestrigen Abendsitzung des Senates sei j noch besonders hervorgehoben, daß der Senator Ma-! nolaki Costaki Epureanu, der für den größten Judenfreund in ganz Rumänien gilt, die Ansicht befürwortete, daß jedenfalls ein Gesetz geschaffen werden müßte, welches den Bürgern israelitischer Konfession ausdrücklich verbietet, Bauerngüter in Rumänien erwerben und besitzen zu können. Durch dieses Gesetz soll die Depossedirung der eingebornen Bevölkerung verhütet werden, damit nicht ein Proletariat geschaffen werde, wie es fürchterlicher in keinem Lande der Erde anzutreffen sein würde, als eben hier. — Uns scheint, daß die Rumänen ein gefährliches Spiel mit den Beschlüssen des Berliner Congresses treiben.