Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 14-15 (2.4.1879)
- Date
- 1879-04-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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359 pflanzen des Wahns, des Aberglaubens und des Religionshasses nimmermehr erwachsen mögen. „In jedem Zeitalter standen Judenfeinde auf, uns zu vernichten; gelobt sei Gott, der uns errettet aus ihrer Hand!" Pas "Uesachfest und die vier fragenden Söhne. Von Ludwig A. R o s e n t h a l in Brilon. Wunderbares Fest! Was ist es, was uns freudiger bewegt, als je, wenn Du Deinen Einzug halst in Israel? Was erhebt das Kind über sein Alter und macht den reifen Mann zum frohen Kinde, gibt ihm die Harmlosigkeit und das reine Glück der Jugend wieder an diesem Tage? Es ist der erhebende Hauch der Freiheit, der darüber schwebt und jedes Her; erheitert iMp' 'v imp ’jsV dtisd irrp i’Ptc'o „Hat er auch so lange mit seinem Froste die Fluren bedeckt, so daß vor seiner Kälte Niemand bestehen konnte", nbvn D'Q H'' Tin 2L" DDO’i nm „bald sandte er sein Wort und die Eisdecke wich, er ließ seinen Thauwind wehen — da fließen die Wasser." Ja, es weichen die Fesseln des Winters, niederrieseln die Bäche und lassen bald die Flüsse anschwellen, von denen das Eis gewichen ist. Hernieder kam sein Wort: „Erwachet, ihr Fluren, aus dem Winterschlase, ihr seid frei, von Euch wich die eisige Last. Nun bringt hervor, was die in euch gelegte, nun freigewordene Kraft euch gestattet!" Aber der heilige Dichter fahrt fort: upy^ mm noo ppn „Seine Worte verkündet er den Stämmen Jakob's, seine Bräuche und Satzungen dem Bolke Israel" — und wie die erweckende Frühlingsmahnung aus die Flur, so soll sein befreiendes und kräftigendes Wort auf uns wirken, es soll uns Frühlingsblüthen wahrer Freuden gewähren und Früchte des Lebens in uns zeitigen, es soll die Eisesrinde von unserm Herzen nehmen, die die Verbitterung des Lebens um uns starren läßt, soll uns das wahre, freudige Menschengefühl, das Bewußtsein sittlicher Kraft und Würde wiedergeben und uns befähigen, froh und kräftig durch's Leben zu gehen. Ja, so wirkt das Gotteswort aus den Empfänglichen! Das wird uns am Pesachfeste klar, das mehr, als ein anderes Fest, von Beschränkungen umgeben ist, mehr, als ein anderes, Anforderungen an uns stellt hinsichtlich des Ausgebens liebgewordener Gewohnheiten, das also mehr, als ein anderes, von göttlichen Satzungen beeinflußt und durchzogen ist. Und gerade das hebt uns empor, versetzt uns in eine andere Welt, befreit uns von dem Drucke der Gewöhnlichkeit — über Allem schwebt der göttliche Geist, der Geist der wahren, unveräußerlichen Freiheit! Darum ist die Pesachfreude eine rein geistige. Ja, man nyo cd iPr mn 3»» apyd Wie er den Thauwind sandte, um die Fluren zu befreien und sie mit dem Frühlingsgewande zu schmücken, so hat er uns seine Worte verkündet, so hat er seine Bräuche in uns festgesetzt, sie sind uns keine Schranke, sondern eine Botschaft wahrhafter Freiheit. Das ist der Einfluß des Pesachsestes. Dieser Tag feiert mit der Befreiung eigentlich den Beginn des jüdischen Volkslebens, darum kann man jedes Mitglied dieses Volkes an der Stellung erkennen, die es diesem Gedenktage gegenüber eiunimmt. Dieser Gedanke ist auch in der bekannten Hagadastelle ausgesprochen, die von den CJ3 Tiprnrr, den vier fragenden Söhnen handelt. Die Thora weist bei Feststellung der Gebräuche daraus hin, daß die Kinder darauf aufmerksam werden und mit Fragen über die Bedeutung derselben an die Ettern herankommett würden und gibt als Beispiel einige mögliche Fragen an, wofür gewisse Antworten der Eltern festgesetzt sind, rmn man D’ja nyan« n:ua „Auf vier fragende Söhne hat die Thora ihre Antworten berechnet", d. h. aus der angegebenen Frage kann man auf die Gesinnung des Fragenden schließen und daraus die Antworten ausbauen. Ter Lehrer hat täglich Gelegenheit, in den Fragen seiner Zöglinge ihr Verhältniß zum Gegenstände ihrer Wißbegierde zu erkennen und demgemäß ihnen Ausschluß zu geben. Wer aber sind diese vier Löhne? ynr nnw Dn nnw ytcn nnsn oan nnx „Tie Frage des Einen wird die eines Weisen sein, die des Andern zeigt einen böswilligen Sinn, harmlos und einfältig läßt die Thora den dritten fragen und endlich hat sie dem Vater eine Antwort für den Sohn in den Mund gelegt, der noch unfähig ist einer Frage." Wo diese vier in der Hagada sich abgebildet finden, und seien die Holzschnitte noch so alt, da mögen unsere Leser sie mit Aufmerksamkeit betrachten. Nicht bedeutungslos ist es, daß der Zeichner diesen fragenden „Kindern" stattliche Bärte, dem Bösewicht unter ihnen sogar ein Schwert zugetheilt hat — es ist eine Andeutung, daß wir unter diesen Fragern nicht blos Kinder zu verstehen haben. Da unsere Zeit überhaupt das Jahrhundert ungelöster, von Zwetselsucht und Unwissenheit gestellter Fragen genannt werden kann, so gewinnt diese Hagadastelle an weitgehender Bedeutung für das Geistesleben des jüdischen Volkes überhaupt. Man wird die Forscher und Frager unserer Zeit zum Erschrecken ähnlich darin abgcbildet finden. Wir wollen in der Betrachtung dieser Hagadastelle die Reihenfolge nicht sesthalten, die dort angegeben ist, sondern, um Wiederholungen zu vermeiden, nach Bedürfniß bald den einen, bald den andern Ausspruch behandeln, was im Linne Nichts ändert.