Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1879)
- Date
- 1879-03-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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n Jahrgang. Erste Scilage zu tlr. 13 des Israelit. Leitender Artikel. Di« Israeliten in der Krim. VIII. Das Morgengebet verrichten die Krimtschaken an frühem Morgen. Im Synagogenhofe wird gewartet bis Alle da sind und Niemand wagt, vorher die Schwelle der Synagoge zu überschreiten, um so das unnütze Reden an der Andachtstätte zu verhüten. Sobald Alle versammelt sind, betreten ste Alle auf einmal das Gotteshaus und stellen sich augenblicklich zum Gebete hin. Es ist überaus schön zu sehen, wie Niemand während der Gebetzeit wagt, auch nur den Kopf herumzudrehen, noch weniger aber sich durch Reden zu unterhalten. Chasan und Rabbiner stehen auf einer erhöhten Stelle während des Gebets. Letzteres findet in einer überaus ansprechenden Art und Weife statt. Vor dem Verlesen aus der Thora läuft der Synagogendiener im Kreise um den Almemmor und ruft die beim Thora-Vorlesen üblichen Ehrenfunctionen (nmo) zum Verkaufe aus, was zwischen '/'* und V2 Stunde dauert. Kommt ein Gast in ihr Bethaus, so empfängt man ihn mit freundlicher Miene und erweist ihm die üblichen Ehren. Nach Beendigung des Gebets verlassen Alle augenblicklich das Bethaus, so daß auch nicht ein Einziger zurückbleibt; ebenfalls um profanes Reden in der Synagoge zu vermeiden. Nach dem Abendgebet begeben sich Einzelne zum Rabbiner, um Gemoro und Poskim zu lernen. Wunderbar geradezu ist die Eintracht, welche unter den Krimtschaken herrscht. Jeder empfindet den Schmerz des Andern mit und nimmt Antheil an seiner Freude. Sie unterstützen ihre Armen mit Aufgebot aller Kraft; verliert Jemand durch irgend ein Mißgeschick sein Vermögen, so greift man ihm derart unter die Arme, daß er seinen Betrieb nach wie vor fortsetzen kann. — Jeden Freitag zahlen sie ca. 50 Rubel aus der Gemeinde- Kasse an die Armen, und im Winter sorgen sie noch außerdem für den Holzbedarf der Unbemittelten , so daß es eigentliche Bettler unter ihnen auch nicht einen einzigen gibt. Die Krimtschaken sind fast durchgehends Handwerker, einige von ihnen Winzer, nur wenige treiben Ackerbau. Sie schämen sich überhaupt keiner Arbeit, sie mag noch so verächtlich sein, wenn sie nur das Leben zu fristen vermag. In der Industrie haben ste es nicht weit gebracht, weil sie in keiner diesbezüglichen Lehranstalt ausgebildet werden können und von den Vorgängen der übrigen Welt keine Kenntniß haben Sie begnügen sich damit, alle diejenigen Arbeiten zu verstehen, welche für! ihren Verkehr mit den Tataren nöthig sind; einige J von ihnen treiben auch Handel, halten Weinschenken j u. bergt. Besonders rühmlich heroorgehoben z«! werden verdient die treue Redlichkeit, mit der sie! ihre Geschäfte betreiben; so hat man noch niemals gehört, daß sie einen Kunden nach europäischer Kaufmannssitte übervortheilt hätten. Ihr häusliches Leben gleicht dem der Tataren; sie bauen sich niedrige Häuser aus Lehm oder Kalksteinen und streben nirgends danach, ihre Häuser im Innern mit schönen Möbeln auszuschmücken, wie es in allen orientalischen Ländern üblich ist. Längs der innern Zimmerwände laufen lange niedrige Bänke, auf welchen weiche Sitzpolster liegen, der Fußboden ist mit Teppichen belegt. auf welche man sich zum Essen setzt und auf denen auch geschlafen wird. Stühle und Tische haben sie nicht, mit Ausnahme eines kleinen Tischchens in der Höhe eines Fußschemels. Gegenwärtig gewöhnen sich jedoch die Reichern auf Stühlen zu sitzen und nach europäischer Weise an Tischen zu essen. Die Krimtschaken wohnen mit ihren Frauen in Liebe zusammen. Die letzteren werden nicht in ihren Häusern zurückgehalten wie die Frauen der Tataren oder Karäer. jedoch ist von einem zeitgemäßen Fortschritt nichts bei ihnen zu merken. Nicht eine einzige kann lesen oder schreiben, dagegen sind sie sehr züchtig, flink in ihrer häuslichen Arbeit und lieben die Reinli^ keit in hohem Grade. Von europäischer Aufklärung und Bildung ist bis jetzt noch nichts zu den Wohnsitzen der Krimtschaken gedrungen, sie wissen von dem, was in der Welt vorgeht, nicht mehr als das Volk, unter dem sie leben. Nur einzelne von ihnen, meistens die jungen Söhne der Reichern, fangen bereits an, ein Streben in dieser Hinsicht zu bekunden. Die Anregung hierzu bilden in hebräischer Sprache geschriebene Bücher und jüdische Zeitschriften. Sir