Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1879)
- Date
- 1879-03-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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338 sind übrigens keineswegs der Bildung und Aufkläj rung abhold, sie empfinden sogar deren Mangel, wenigstens diejenigen unter ihnen, die durch Reisen mit der Außenwelt in Berührung kommen. Die Krimtschaken leben in Frieden und Eintracht mit den deutschen Juden. Kommt ein solcher als Gast zu ihnen, so nehmen sie ihn in Liebe auf und geben sich ihm mit ganzer Seele hin. Nichtsdestoweniger ist unbegreiflicher Weise bei ihnen das Vorurtheil herrschend, daß sie von den Deutschen gehaßt würden. Es versteht sich von selbst, daß die Krimtschaken die volle, ganze Liebe verdienen, wie sie verbrüderten, Gott und dem König treuergebenen Stammesgenossen zukömmt. Sie sind der Rest unserer in ferne Weltheile seit grauer Vergangenheit verstoßenen Brüder, und uns daher dvppelt theuer. Es finden sich bei den Krimtschaken auch seltsame Bräuche, auf deren Abstellung man dringen muß. So fragen sie, wenn Jemand krank wird, nicht nach ärztlicher Hilfe. sondern sie führen den Kranken an den Fluß Chatul, dort waschen sie sein Antlitz und nehmen von dem Wasser mit nach Hause. Kehrt der Kranke dann wieder zurück, so übernachtet er in der ersten Nacht nicht im eigenen Hause. Manchmal führen sie ihn auch in ein Kloster, um ihn in dem Wasser eines dort befindlichen heiligen Brunnens zu baden, nach dem Bade werfen sie einige Münzen in den Brunnen und glauben dann sicher, daß der Kranke genesen wird. Wird Jemand aus Angst krank, so führt man den Kranken zur Stadt hinaus auf einen ungefähr eine Meile weit entfernten Berg und legt dort den Kranken auf die bloße Erde. Mit einem Spazierstock oder dünnen Holz zieht man dann um ihn einen Kreis, knüpft sieben Wollfäden von verschiedenen Farben an einen dort befindlichen Baum, zerbricht einen irdenen Krug an derselben Stelle, gräbt eine kupferne Münze in die Erde und kehrt dann nach Hause zurück. Im Bade verbringen sie oft ganze Tage, weshalb sie sich vollständig verproviantiren, bevor sie dasselbe besuchen. Die Badeanstalten dienen bei ihnen, wie bei allen Orientalen, zur Zerstreuung und zum Vergnügen. Die Hauptspeise der Krimtschaken besteht in Brod aus schwarzem Weizen, aus Baumfrüchten und deren Blättern (von letzteren verstehen sie verschiedene Gerichte zu bereiten), aus Schaaffleisch und Erdfrüchten; dagegen kommt Suppe niemals über ihren Mund. Sie wissen überhaupt nichts von der europäischen Küche. Im Allgemeinen sagen ihre Speisen nicht dem Gaumen eines Europäers zu, ihr Genuß hat sogar Krankheiten für ihn zur Folge. Dagegen haben sie eine wunderbare Fertigkeit, aus Bauwfrüchten Confitüren herzustellen. Die Frauen der Krimtschaken kleiden sich wie die tatarischen Frauen. Obwohl sie von Natur aus sehr schön sind, werden sie durch ihre Kleidung derart verunstaltet daß sie den Spott der Europäer auf sich ziehen. Die reichen Frauen jedoch sind mit allem Eifer bestrebt, sich schön zu kleiden und sich mit goldenem und silbernem Geschmeide zu schmücken. Sie tragen meistens goldene Ringketten um den Hals und einen zwei bis vier Zoll breiten, mit silbernen Knöpfen versehenen Gurt um die Lenden. Der Verschluß dieses Gürtels ist von Lvilber und kostbaren Steinen. Die reichen Frauen tragen auch Gürtel und Schrittketten an den Füßen. Obgleich die Krimtschaken an ihrem Glauben fest halten, und Niemand von ihnen wagen würde, muthwilliger Weise das Religionsgesetz zu übertreten , so besitzen sie doch nicht jenen Glaubenseifer , dem man besonders in Lithauen und Polen begegnet. Wenn sie Jemanden das Religionsgesetz am Hellen Tage übertreten sähen, so würden sie nicht über ihn herfallen und ihn nicht zu Rede stellen, sondern würden ruhig auf die Thorheit eines solchen Menschen herabblicken. So ist es für sie immer zum Lachen, wenn fie hören, wie die Chassidim von den Wunderthaten ihrer Rabbi's und Heiligen erzählen. Sie pflegen dann zu sagen: „Wir glauben weder an ihre Heiligen noch an ihre Wunderthaten." Die Krimtschaken nahmen in früheren Zeiten auffälliger Weise zwei und mehr Frauen, obwohl sie doch in jeder Zeit, besonders aber in der letzteren , von allen neuen Einrichtungen Kenntniß hatten, welche das Judenthum betreffen. Wie sollten sie also nicht von dem Banne des Rabbenu Gerschom gewußt haben? Vielleicht haben sie jedoch denselben von vornherein nicht angenommen. Wir schließen diese werthvollen Auszüge aus dem Buche des Herrn Deinard mit folgender interessanten Notiz: Die Greise unter den Krimtschaken erzählen, daß zur Zeit der Eroberung der Halbinsel Krim die Kaiserin Katharina ihnen einen Freibrief ausgestellt habe, wie allen Bewohnern der Krim. Dieses Schreiben, welches den Karäern eingehändigt war, kam denselben aber abhanden. Als nun die Karäer erfuhren, daß Kaiser Nikolaus die Krim besuchen wolle, baten sie sich von den Krimtschaken ihren Freibrief aus. Die Karäer beredeten die Krimtschaken, daß sie ihnen auf diese Weise verschiedene Privilegien verschaffen wollten. Die Letzteren in ihrer Unschuld ahnten nicht die List, die. hier vorlag. Ueberall, wo in dem Freibriefe die Worte standen, daß die Freiheit den cnp Hin» ge-