Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1879)
- Date
- 1879-03-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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336 Die ersten Laute der Zärtlichkeit, mit denen die Mutter dem Kinde ihre Liebe bezeugt, sind deutsche Worte. In deutscher Sprache lehrt uns der Vater die ersten Pflichten gegen Gott und Menschen. Und wen» uns die Bewohner diese- Landes auch hart, manchmal unmenschlich uns behandeln, so betrachten wir das als eine Strafe Gottes ob unsrer Sünden; aber wir lieben die Söhne unsres Vater. landeS. deren Sprache wir sprechen, und die uns trotz Allem die Mittel gewähren, unfern Lebensunterhalt zu finden und uns gestatten, die Vorschriften unsrer heiligen Religion frei und ungestört zu üben." „„Was wollt Ihr vom Kurfürsten?"" „Der Kurfürst plant in Verbindung mit den benachbarten Fürsten, Grafen und Städten eine Vertreibung der Juden." „„Warum wendet Ihr Euch nicht gleich an den Kaiser, Euren Beschützer?"" „Und wenn nun der Kaiser befiehlt und die Fürsten versagen den Gehorsam? Wird der Kaiser unsretwegen einen Krieg beginnen?" „„Ihr seid ein kluger Mann. Ja, des Kaisers Befehl gilt nur dann in Deutschland, wenn ihm ein gehöriger Nachdruck verliehen wird Auch ich werbe für eine heilige Sache. Habt Ihr von dem Geschicke meines Vetters Hans von Hutten gehört?"" „Nicht ein Wort." „„Herzog Ulrich von Württemberg hat meines Vetters Weib verführt und den betrogenen Ehegatten erschlagen. Ein Herzog, der ein Schützer des Rechts sein sollte, begeht Ehebruch und Mord! Aber ich, ich werde es dem Tyrannen nicht hingehen lassen. So gering ich bin — ein fahrender Ritter, der erst von einem Juden standesgemäße Kleidung und Ausrüstung zum Geschenk erhält — ich werüe den Tyrannen besiegen und stürzen, ich werde Kaiser, Fürsten und Volk aufstöbern aus ihrer trägen Ruhe, meine Stimme wird wie Posaunenschall ertönen, und ich werde eS ausführen; denn ich kämpfe für Tugend und Recht. Es brech oder gang! Gottes Geist mich bezwang!" Rabbi Joselmann antwortete nicht; er fühlte sich nicht bemüssigt, über die Handlungen eines deutschen Reichssürsten sein Urtheil abzugeben. Schweigend ritten die Männer neben einander her. So ritten sie an Höchst vorüber bis Hattersheim, die Mitte des Weges zwischen Frankfurt und Mainz. In Hattersheim machten sie Rast, um einen Imbiß zu nehmen. Der Ritter kehrte im Kruge ein, Rabbi Joselmann suchte einen ihm bekannten, in Hattersheim wohnenden Juden, Namens Anschel, auf, um bei diesem Speise und Trank zu erhalten. Der Dorfjode freute sich nicht wenig mit seinem vornehmen Gaste. Auch er hatte schon von der geplanten Austreibung vernommen. „Es sieht schlimm aus, Rabbi Joselmann", sagte er. „Ich war gestern in Mainz; da hatte ich Geschäfte mit einem Bedienten des Grafen Ingelheim. Der Bediente heißt Hannes und ist hier im Dorfe geboren. Er hat sich von seiney Ersparnissen hier ein kleines Gütchen gekauft, daich ihm vermakelt habe. Hannes hatte auch schon davon gehört. — Nun, Anschel, sagte er, bald werdet Ihr fort müssen, zum Lande hinaus — alle Juden. Gestern war ein gelehrter Mann aus Cöln, Namens Pfefferkorn, beim gnädigen Herrn zu Gast, und als ich bei Tische äufwartete, da erzählte er, daß bald alle 3uden werden ausgetrieben werden." Rabbi Joselmann erschrak, als er vernahm, Pfefferkorn sei in Mainz; er konnte nichts mehr essen. Er sprach das Tischgebet, stieg wieder zu Pferde und holte dann seinen Reisegefährten aus dem Kruge ab. „Laßt uns eilen, Herr Ritter", sagte er. „daß wir noch vor Eintritt der Nacht in Eastel über den Rheinstrom setzen können." Der Ritter entsprach der Aufforderung. Da der Boden hart gefroren war, so konnten sie rasch über Weg reiten. Noch ehe die Sonne sank, waren sie in Castel eingetroffen, von wo aus der Fährmann die Beiden an das linke Rheinufer nach Mainz brachte. In Mainz wohnten damals, wie wir bereits früher berichtet haben, keine Juden. Die beide» Reisenden kehrten in der besten Herberge der Stadt, im Römischen Kaiser, ein. Am andern Morgen stand Rabbi Joselmann früh auf, sprach das Morgengebet und machte sich, noch ehe er ein Frühstück zu sich nahm, auf den Weg, um den verlassenen, jüdischen Friedhof zu besuchen, und dort an heiliger Stätte, an den Gräbern heiliger Männer, in heißer Andacht zu Gott um das Gelingen seiner Pläne zu flehen. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gott-lebend Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).