Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1879)
- Date
- 1879-03-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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331 der Weise beteiligt, vergalt ihnen die sogenannte Restauration mit schnödem Undank und suchte 1819 sogar eine Judenverfolgung in mittelalterlichem Sinne in Scene zu setzen. Die Bewegung von 1880 rief die Forderung der Emancipation aufs Reue hervor. Umsonst; sogar Männer wie Paulus und Rotteck traten ihr in der badischen Kammer entgegen. Dagegen siegte sie in Kurhessen und Weimar Energischer wurde die Frage in den vierziger Jahren zur Hand genommen; die wiedersinnige Idee eines „christlichen Staates', welche der Emancipation entgegenftand, fiel 1846 und 1847;n Preußen und Baden und bei der Bewegung von 1648 endlich auch in allen deutschen Staaten. Umsonst suchte die Reaction der fünfziger Jahre, diese Errungenschaften rückgängig zu machen." (III., 417.) Solche Worte scheinen ganz geeignet, unsere Erwartungen hoch zu spannen, sie müssen uns zu der Voraussetzung führen, daß der Verfasser Juden und Judenthum zu würdigen versteht, und kein Über folgen könnte, welches das zugeftandene Recht der völligen Gleichstellung andererseits wieder negcrl, kein Aber, das »den in dem Juden noch immer den Fremden sieht. Doch es kommt anders als wir eS wohl erwartet haben. Der Beginn der neuen Epoche in der deutschen Poesie wird mit Börne und Heine als gegeben bezeichnet. Daran, daß es zwei Juden von Geburt waren, welche die neue Epoche, die gegen das Bestehende kämpfte, einleitele, werden Betrachtungen geknüpft, die auch die Juden überhaupt ins Aage fassen. „Die Juden sind eine ganze abnorme Erscheinung in unserer Zeit, und zwar deshalb, weil sie zugleich Nation und Religionsgeseüschaft sind, und doch wieder em Jeder der Nation angehören will, unter welcher sie leben. Es kann aber Niemand zwei Herren dienen. Wären die Juden blos Religionsgesellschaft, in welcher Jeder ohne Unterschied seiner Herkunft Aufnahme fände, was ja in allen Religionen der Erde mit Ausnahme des Judenthums und des BrahmanenthumS der Fall ist, so könnte man so gut Jude und Deutscher sein, als man Protestant und Deutscher oder Katholik und Deutscher oder Freigeist und Deutscher sein kann. Aber die Juden sind zugleich eine Nation, — eine Nation in der Nation! Das ist ein Widerspruch, der mit den Grundsätze» der Fortentwickelung des Menschengeschlechts so scharf contrastirt, daß es einmal zur Lösung so oder so kommen muß. Man hat gehofft, mit der Emancipatiou der Juden werde diese Anomalie aufhöreu — umsonst. Die Juden genießen überall gleiche l Rechte mit den Christen; allein trotzdem bilden I sie immer noch dieselbe für sich abgeschlossene Kaste, 1 die so eng zusammenhält, daß kein Christ oder Freigeist in ihre besonderen Kreise eindringt." Halten wir an diesem Punkte und prüfen wir das Gesagte auf seine Richtigkeit! Es muß „einj mal zur Lösung so oder so kommen"; was daS j heißen soll, ist unschwer zu errathen, wir verstän-! den die Bedeutung dieser Worte, wenn der Berj fasser sie auch nicht am Ende seiner Diatribe fol-! gendermaßen erklärte: „Wir wissen nur, daß die! Juden einst keine andere Wahl haben werden, als entweder blos Religionsgesellschaft zu bleiben und i als Nation sich aufzulösen, oder dann als Nation j sich ein eigenes and zu kaufen und dahin auszuwandern, - nicht von der Gewalt der Waffen, sondern von der Macht der öffentlichen : Meinung gezwungen. Besser wäre es, sie wähl-! ten bei Zeiten das Erstere und würden sich als I theistische (nicht jüdische) Kirche mit Beseitigung! aller Ceremonien, Speiseverbote, Feiertage (welche j das Uebermaß der katholischen Kirche noch weit! überbieten), des Sabbats, der hebräischen Sprache j u. f. w. conftituiren und Leute aller Nationen uni 1er sich aufnehmen."! Hier haben n ir wieder den Ruf, auf den wir! bereits hingewiescn: Der Jude ist fremd, er ist j Glied einer den Europäischen Staaten fremden i Nation; will er nicht seine „Nation", d. h. fein < Juder.thum auf.^eben, so wird er in den Staaten, j die ihm die Gleichberechtigung bewilligt, mit der! Zeit nicht bleiben können, er wird von der „Macht der öffentlichen Meinung gezwungen", auswandern j zu müssen Man wird also die öffentliche Meinung j bearbeiten, man wird der Welt so lange das Dog-! ma von der fremden Nation vorpredigen, bis es schließlich geglaubt wird, und wird das Mittel auch finden, die „fremde Nation" aus dem Lande der Glaubenseinheit hinauszucomplimentiren. Die ersten Schritte zu dieser gewaltlosen Austreibung wären ja schon versucht; wenn ein hervorragender Culturhiftoriker, der für die weitgehendste Freiheit eintritt, den Einzelnen das Recht abspricht, nach ihrer Fa^on selig zu werden, und das Recht der Staatsangehörigkeit von dem Verzicht auf einen Glauben abhängig macht, der weder mit den Staatszwecken collidirt noch die Bekenner an der Uebung ihrer Pflichten gegen Staat und Mitbürger hindert: dann werden wohl alle Diejenigen, die die Gleichstellung der Juden als fait accompli widerwillig hinnehmen mußten, und deren sind nicht wenige und zu ihnen gehören nicht gerade die Einflußlosen, freudig diesen Lehrsatz sich aneignen. „Man hat gehofft, mit der Emancipation der Juden werde diese Anomalie aufhören — umsonst!"