Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1879)
- Date
- 1879-03-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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312 Jakobine erbleichte, sie glaubte das Herz müsse ihr stille stehen, aber sie sträubte sich nicht. Die Gräfin betete laut und forderte das Mädchen auf, ihre Worte nachzusprechen — gehorsam bewegte Jakobine die Lippen und die Gräfin war klug genug, sich vorläufig damit zu begnügen. Der Tag schritt vor. Alle Vorbereitungen zur Abreise waren bereits getroffen. Gegen Abend hielt der prächtige Schlitten, der sie gestern hergeführt, wieder vor dem Schlosse. Die Gräfin und Jakobine, beide in elegante Reisepelze gehüllt, stiegen ein, um sich zum Bahnhof führen zu lassen. Ein schwarzer dichter Schleier verhüllte auch Jakobinens Angesichts und machte sie vollends unkenntlich; er war ihr n'cht angenehm, nie im Leben hatte sie einen Schleier getragen, aber trotzdem ergötzte sie die Gräfin durch ihr Entzücke^ an der herrlichen Schlittenfahrt. Sie währte nicht^ange; der Bahnhof war bald erreicht und an der L>eite der Gräfin durchschritt Jakobine die Halle; plötzlich entfuhr ein halb unterdrückter Schrei ihren Lippen. „Was ist Dir, liebes Kind?" fragte die Gräfin. „Mein Onkel —" stammelte Jakobine. Die Gräfin ergriff hastig ihre Hand und zog sie in den Wartesaas erster Klasse. Es war in Wirklichkeit Benjamin Grünfeld, den sie gesehen und auch er hatte sie gesehen und hatte ihren Schrei vernommen. Doch wie hätte er in dem elegant gekleideten verschleierten Kinde seine Nichte erkennen können! Die Gräfin ließ Jakobine nicht mehr von ihrer Hand, sie zog ihr den Schleier in noch dichtere Falten, und gleich nach dem ersten Läuten ließ sie sie von dem sie begleitenden Diener in das bestimmte Coupe heben; sie selbst stieg erst nach ihr ein, und um vor jedem indiscreten Blick geschützt zu sein, ließ sie sämmtliche Vorhänge schließen. Ohne Unfall legten sie die Reise zurück und hatten im Laufe des folgenden Tages das Ziel derselben, die Residenz, erreicht. Jakobine war inzwischen mit ihrer freundlichen Beschützerin schon ganz vertraut geworden, und diese hatte das schöne anmuthige Kind bereits recht von Herzen lieb gewonnen. In dem gräflichen Palais, in einer der elegantesten Straßen der Hauptstadt, hatte sie ihr ein Zimmer in der Nähe ihres eigenen anweisen lassen; denn so lange sie noch nicht durch die Taufe ihr unwiderruflich gesichert war, sorgte sie noch beständig, sie möchte ihr entrissen werden. Gleich am folgenden Tage ließ die Gräfin einen ihr befreundeten Priester zu sich bitten, mit ihm die Angelegenheit, die ihr so sehr am Herzen lag, zu berathen. Um allen Nachforschungen zu entgehen, hatte sie die kleine Jüdin in ihrem Schlosse in der Provinz für eine Verwandte ausgegeben und der Geistliche empfahl ihr, um der guten Sache willen, diese Nothlüge aufrecht zu erhalten. Zu diesem Zwecke war es jedoch unerläßlich, die Taufe in größter Heimlichkeit zu vollziehen. Die Gräfin ersuchte daher den Geistlichen, die junge Convertitin schleunigst darauf vorzubereiten; denn sie wünschte sehnlichst, noch vor den herannahenden Weihnachtstagen sie als Glaubensgenossin umarmen zu können. Tagtäglich erhielt Jakobine nun Unterricht in den christlichen Glaubenslehren, die der weltgewandte Priester in so leichter gewinnender Form ihr darzulegen wußte, daß sie, der die erhabenen Lehren der eigenen Religion nie recht klar geworden , nicht ohne Interesse seinen Worten lauschte. Die Gräfin, die dem Unterrichte stets beiwohnte , lobte und belohnte ihre Aufmerksamkeit und verdoppelte sie dadurch. Doch es kamen Glaubenslehren, die ihr Heller klarer Sinn nicht zu erfassen vermochte; sie erlaubte sich ihrem Zweifel Ausdruck zu leihen und der Priester bemühte sich nach Kräften, sie zu widerlegen mit milden freundlichen Worten. Das junge Mädchen vermochte er freilich dadurch nicht zu überzeugen; dock die Gräfin nickte ihm Beifall und das war für Jakobine genügend, das ihr Vorgesagte ohne weitern Umstand nachzusprechen. Weiter verlangte man doch auch nichts von ihr; warum hätte sie denn das verweigern sollen? — Die Gräfin war ja so gut, so freundlich, so liebevoll gegen sie, sorgte für ihre Bedürfnisse und für ihre Annehmlichkeiten in so überreichem Maße und verlangte für Alles das nichts weiter, als daß sie lernen sollte, was man sie lehrte, wie hätte sie dem nicht entsprechen sollen? Wenige Tage vor Weihnachten erklärte der Lehrer die Vorbereitungen für genügend, und die Ceremonie des Uebertrittes ward auf die Vormittagsstunden des 24. December bestimmt. Die Gräfin, als strenggläubige Katholikin, fastete an diesem Tage und auch Jakobine mußte sich des Frühstückes enthalten und ward aufgefordert, die Zeit bis zur Ankunft des Geistlichen im Gebet zu verbringen. Die Gräfin hatte sie mit einem hübschen Rosenkranz beschenkt und sie das kater noster gelehrt und gedankenlos ließ Jakobine die Perlen durch ihre Finger gleiten, während ihre Lippen die entsprechenden Worte murmelten.