Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1879-03-19 · Heft 12 (19.3.1879) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 12 (19.3.1879)
Date
1879-03-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447797-2447810--15965-2471934
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

313 2 o / Endlich gegen elf Uhr erschien der Priester, und nachdem die Gräfin eigenhändig die Thür ihres Boudoirs verriegelt hatte, schickte er sich an, die Handlung, die die Gräfin als heilige bezeichnet^ zu vollziehen. Ein leiser Schauer überfiel die kleine Jüdin doch, als sie vor dem Priester kniete und das Weihwasser ihre Stirn berührte. Das silberne Kreuz, das der Geistliche zum Kusse ihr reichte, war nicht so kalt wie ihre Lippen, die es berührten. Aber sie sagte sich wieder, was der Neudorfer Pfarrer ihr gesagt und was sie seitdem sich tagtäglich wiederholt, daß Alles doch nur um ihrer Mutter willen geschehe — und ihr folgsames Gewissen schwieg und ließ sich rasch einlullen — und als sie sich von den Knien erhob, war sie bereits vollständig wieder ausgesöhnt mit dem Schritte, den sie gethan. Die Gräfin, die als Pathe fungirt hatte, schloß sie in freudigster Erregung in ihre Arme; war es ihr doch nun vollständig gelungen, eine Seele der ewigen Verdammniß zu entreißen und sie dem Himmel zu erretten. Wie in Verzückung preßte sie die junge Proselytin an ihr Herz und gelobte, stets für sie zu sorgen. Nur eines beklagte sie, Jakobine hatte in der Taufe den Namen ihrer Pathin erhalten; doch der Geistliche selbst widerrieth, sie im Verkehr so zu nennen; der plötzliche Namenswechsel hätte der Dienerschast auffallen müssen. So behielt denn JafMne ihren alten Namen bei und sie freute sich dessen. War ihr Name doch das Einzige, was ihr aus der Vergangenheit geblieben, und so heimisch sie sich auch bereits auf den parguettirten Böden fühlte, es gab doch bisweilen Stund-n, in denen sie der Hei'math gedachte, und der Mutter. — Am Abend nach dem Taufact war Empfang bei der Gräfin; sie wollte dieses ihr so hochwichtige Ereigniß feiern, ohne den Grund der Feier einzugestehen und hatte es eben deßhalb auf den Vorabend des Festes bestimmt. Sin riesiger Weihnachtsbaum prangte in der Mitte des Saales, während am oberen Ende desselben ein kleinerer, aber überaus reich beladener, für die jüngste Christin, wie die Gräfin sich scherzend ausdrückte, aufgestellt war. Noch vor Ankunft der Gäste hatte die Gräfin ihrer Pathe hier bescheert, und Jakobine. die in ihrem ganzen Leben so Herrliches nicht gesehen, schlang jubelnd ihre weichen runden Arme um den Hals der großmüthigen Spenderin; sie durfte sich das schon erlauben, ihre Umarmung ward herzlich erwiedert. Die Gräfin hatte den heutigen Abend auch dazu bestimmt, das junge Mädchen ihren Freunden vorzustellen und mit einer erstaunlichen Gewandtheit fand sich Jakobine in der ihr bisher vollständig fremden Welt zurecht. Von allen Seiten ward sie mit Freundlichkeiten und Liebkosungen überhäuft und die Gräfin mit Complimenten über die Schönheit ihrer Pathe; denn man hatte es bald heraus, daß die anmuthige Kleine der Liebling der alten Dame sei. Jakobine schwamm in einem Meer von Wonne; der Abstand zwischen einst und jetzt war allzugroß; ihre ehemalige Dürftigkeit und der jetzige Glanz und Ueberfluß, die sie leidenschaftlich liebende und doch so strenge wortkarge Mutter und die milde freundliche Gräfin, die sie stets liebkoste und deren Freunde sie mit Schmeichelreden überhäuften — wie hatte das Alles ein noch nicht dreizehnjähriges Köpfchen nicht mit Entzücken erfüllen sollen! Doch nach diesem Abend sollte Jakobine vorläufig in der Gesellschaft nicht mehr erscheinen, dazu war sie noch viel zu jung; jetzt galt es vor Allem fleißig zu lernen. Und Jakobine freute sich dieses Beschlusses. Sie hatte einen Hellen klaren Kopf, lernte gern und leicht und durch ihr Lernen beschwichtigte sie auch das sich hin und wieder regende Gewissen. Es war ergenthümlich, so ungeschickt und verdrossen sie die häuslichen und Handarbeiten bei ihrer Mutter verrichtet hatte, so eifrig und unermüdet verrichtete sie die Arbeiten, die jetzt von ihr gefordert wurden. Die Gräfin hatte die besten Lehrer für sie engagirt und sämmtlich lobten sie den rastlosen Eifer ihrer Schülerin, die vor keiner Schwierigkeit zurückschrack. Die Gräfin war überglücklich. Sie war seit mehreren Jahren Wittwe, ihr einziger Sohn weilte als Attache bei der Gesandtschaft in P...., sie hatte zwar zahlreiche Freunde und treue, zuverlässige Diener, aber bisher hatte sie doch kein Wesen in ihrer unmittelbaren Nähe gehabt, das sie so recht von Herzen lieben konnte. Jakobine aber war ihr sehr bald unentbehrlich geworden, sie sehnte sich nach ihr, wenn sie sie auch nur wenige Stunden nicht gesehen und wohnte darum auch oft ihren Lectionen bei. Wenn Jakobine aber ihre Beschützerin in der Nähe wußte, dann verdoppelte sie noch ihren gewöhnlichen Eifer, denn auch sie liebte die alte Dame aufrichtig und strebte mit allen ihren Kräften, sie zu erfreuen. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.