Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1879)
- Date
- 1879-03-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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308 Ritter in Menge, die heute im Elend sich befanden und morgen im Kriege oder am Hofe der Fürsten zu Ehren und Würden emporstiegen? Zudem lag in der Stimme des Fremden etwas Ansprechendes, in seiner Art sich auszudrücken etwas Edles und Vornehmes, in seinem auflodernden Zorne etwas Kühnes und Muthvolles. Entschlossen, die hundert Gulden an den Fremden zu wagen, öffnete Rabbi Joselmannn die Thüre und trat hinein. „Rabbi Joselmann!" rief der Hausherr. Dieser beachtete ihn nicht; er trat dem Fremden gegenüber, nahm seinen Hut ab und verneigte sich tief. „Herr Ritter", sagte er, „wollt Ihr mir gnädiglich gestatten, Euren Verlegenheiten durch ein Darlehen ein Ende zu machen?" Der Fremder lachte laut auf. „Wollt Ihr mich verspotten, Jude?" fragte er. Unterdeß hatte Rabbi Joselmann den ihm Gezenüberstehenden rasch ins Auge gefaßt. Was er sah, befestigte seinen Entschluß. Die zerlumpte Kleidung deckte eine schöne, edle, ritterliche Gestalt. Noch nie hatte Rabbi. Joselmann ein so geistvolles, edel geformtes Antlitz gesehen, aus dem zwei feurige Augen Blitze sprühten. „Fern sei es von mir", sagte Rabbi Joselmann, „eines so edlen und fürnehmen Ritters zu spotten. Unsere Rabbiner lehren: Achte nicht auf das Gefäß, sondern auf das, was darin ist. Eure defecte Kleidung verhüllt mir Eure adelige Gestalt nicht." „„Gesegnet seien EureRabbinen und gesegnet sei mein edler Lehrer Johannes Reuchlin, daß er nicht geduldet, daß man ihre Bücher verbrenne."" „Ihr seid ein Schüler Reuchlin's?" „„Nur so im Allgemeinen wie alle Mitlebenden. Also, Ihr wolltet mir ernstlich ein Darlehen geben? Bon der Geburt an ward mir zum Lebensloose das Elend, Nebel zu Land' Hab' ich, Nebel zu Wasser erlebt. Ihr, Jude, laßt einen Sonnenblick fallen Durch das trübe Gewölk meines Schicksals." „Ihr seid ein Dichter, Herr?" „„Ja, das bin ich. Ich habe eben jetzt dem Kurfürsten von Mainz ein größeres Carmen übersandt. Vielleicht hat er's gnädig ausgenommen, und dann hat mein Elend ein Ende."" „Wohlan, gnädiger Herr, ich will Euch neu equipiren lassen, für Euch ein Pferd, einen neuen Anzug, Leibwäsche, eine Rüstung und Waffen einkaufen. Ich will Euch das Geld dazu ohne Zinsen, hört Ihr, ohne Zinsen, borgen; ja, ich will es Euch schenken für den Fall, daß Ihr nicht in der Lage seid, es mir wieder zu bezahlen." „„Was, das wolltet Ihr thun? Und was verlangt Ihr dagegen? Wollt Ihr etwa, daß ich Jude werde oder daß ich meine Seele dem Teufel verschreibe? Dann nehme ich Euer Geld nicht!"" Rabbi Joselmann lächelte. „Ich verlange nichts Derartiges; ich bitte Euch nur. daß Ihr mir gestattet, in Eurer Gesellschaft nach Mainz zu reiten und daß Ihr mir durch Eure Freunde in Mainz dazu verhelfet, Zutritt zu seiner Kurfürstlichen Gnaden zu erlangen." „„Das Erste wird mir sehr angenehm sein; um das Zweite will ich mich gern bemühen . . „Es wäre thöricht, wenn ich eine bestimmte Zusage in Bezug auf Dinge von Euch verlangen wollte, die ja nicht von Euch abhängen. Ich begnüge mich mit dem Versprechen. daß Ihr Euch in dieser Hinsicht bemühen wollt." „„Topp, so schlage ich ein."" Der Fremde reichte Rabbi Joselmann die Hand, die dieser ergriff und schüttelte. „Rabbi Alexander", sagte dann Rabbi Joselmann zu dem Hausherrn, „weiset dem Ritter ein Zimmer an, wo er sich wasche und von dem Schmutz der weiten Reise reinige. Und dann sendet um Schneider, Weißzeughändler und Schuhmacher , damit der Ritter sich alles Nöthige aussuche. Dann, Herr Ritter, gehen wir gemeinsam zum Waffenschmied und zum Roßtäuscher, damit Ihr ein gutes Pferd, ritterliche Rüstung und Waffen erhaltet." „„Gott segne Euch darob, daß Ihr Euch mein erbarmt in meiner Noth; ich werde es Euch nicht vergessen; und wenn ich jemals Uebles von den Juden geschrieben. ich werde es nicht mehr thun. Wie nennt man Euch, Herr Jude?"" „Ich heiße Joselin und bin in Rosheim im Elsaß zu Haufe. Und wie ist Euer Name, edler Herr?" „„Man nennt mich Ulrich; ich stamme aus dem adligen Geschlechte derer von Hutten."" (Fortsetzuug folgt.) Hierzu drei Beilagen. DerarUwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).