Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1879)
- Date
- 1879-03-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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307 „Ihr müßt gleich zum Kaiser, Rabbi Joselmann!" sagte Rabbi Moscheh Kohen. „Ja, Ihr müßt eilig den Kaiser aufsuchen,"! stimmten die Anderen bei. Rabbi Jofelmann schwieg eine Weile; dann sagte er bedäch-tig: „Nicht doch, meine Brüder, ich bin nicht Eurer Ansicht. Wenn ich auch zum Kaiser reise und mich ihm zu Füßen werfe, und Gott läßt » mich Gnade bei Kaisers Majestät finden, so daß meiner Bitte gewillfahrt wird, und der Kaiser schreibt an die Fürsten, daß sie «blassen, Juda zu verfolgen — was kann es nützen? Der Kaiser selbst hat mir gesagt, daß die Fürsten ihm nicht folgen. Und wenn sie nun ungehorsam find und uns dennoch verjagen aus ihren Landen — meint Ihr, der Kaiser würde um unsretwillen Krieg anfangen mit den Fürsten? Und noch dazu mit dem Kurfürsten von Mainz, der die erste Stimme hat im Rathe des deutschen Reichs! Denn Maximilian ist alt und wünscht, daß man seinen Enkel, den! jungen König Carl von Spanien, zum römischen König und somit zum Nachfolger des Kaisers küre. Und wer ist's, der bei dieser Wahl zuerst seine Stimme abgibt? Ist es nicht der Kurfürst von Mainz, der Erzkanzler des deutschen Reichs? Und Ihr meint, der Kaiser werde um der Juden willen sich mit dem einflußreichsten deutschen Fürsten Überwerfen?" „So sollen wir ruhig das Verderben über uns ergehen lassen?" fragte Rabbi tzjWolf Spiro traurig. „Ich will nach Mainz reisen", sagte Rabbi i Jofelmann, „und sehen, daß ich Zutritt zu diesem; jungen Kurfüsten Albert erlange." „Vergebene Mühe", entgegnete Rabbi Mosche! Kohen, „wir wissen ja, daß Markgraf Albert noch! vor seiner Wahl sein Wort verpfändet hat, die! Juden zu verjagen." „Und dennoch werde ich > zuerst an ihn mich wenden", sagte Rabbi Jofelmann entschieden. „Richte ich beim Kurfürsten von Mainz nichts aus, so bleibt mir der Weg zum Kaiser noch immer offen. Allein, Rabboßai, ich bin melummod benissim, der allgütige Gott hat schon so oft in wunderbarer Weise geholfen; Er wird uns , auch in dieser großen Zoroh nicht verlassen und mir Seinen Engel schicken, daß er mir die Wege ebene." „So reist denn in Gottes Namen nach Mainz", i entschied Rabbi Jakob zur Kanne. „Schont nur! kein Geld; laßt Euch von unserm Schatzmeister, Rabbi Alexander Wimpfen, so viel fgeben, als Euch nöthig erscheint." Rabbi Jofelmann hob die Versammlung Zfauf , und begab sich zu Rabbi Alexander Wimpfen, um von diesem eine größere Summe für Reisekosten und für etwaige Geschenke an die Hofbeamten des Kurfürsten von Mainz zu entnehmen. Als Rabbi Jofelmann in das Haus des Schatzmeisters der jüdischen Gemeinde trat, hörte er lärmende Stimmen. „Packt Euch von hinnen", hörte er Rabbi Alexander rufen. „Was? Ihr wollt ein Ritter sein, ein Edelmann? Und gehet in Lumpen einher, in zerissenem Röcklein und zerfetzten Schuhen mitten im Winter? Wie könnt Ihr die Kühnheit haben, von mir Geld borgen zu wollen? He, auf Nimmerwiederzahlen!" Rabbi Jofelmann war an der Thüre stehen geblieben und lauschte dem lauten Zwiegespräch. „Jude", sagte?ine jugendliche und wohlklingende Stimme, „schreit nicht so mit mir; Ihr könnt mir's glauben, ich bin ein Ritter und Edelmann , wenn auch die Ungunst des Schicksals es zu Wege gebracht, daß mein Röcklein zerrissen und meine Schuhe zerfetzt sind. Möglich, daß ich morgen schon in Sammet und Seide und in silberner Rüstung auf hohem Roß einhertrabe und Du, Jude, Dich glücklich schätzest, wenn ich Dir gestatte , den Saum" meines Mantels zu küssen! Siehe, ich habe eine weite Reise gemacht, komme von Italien, und da ist mir unterweges das Geld ausgegangen und die Montur zerrissen. Jetzt aber wird das Elend bald ein Ende nehmen. In Mainz habe ich vornehme Freunde. Herr Eitelwolf von Stein, des Kurfürsten edler Kanzler, ist mein hoher Gönner, und auch der Kurfürst will mir wohl. Aber ich kann doch vor den hohen Herren nicht in diesem Aufzuge erscheinen. Ich bitte Euch, borgt mir hundert Gulden; ich gebe Euch nächste Woche zweihundert dafür." „Daß ich ein Narr wäre", schrie Rabbi Alexander; „meint Ihr, ich glaube Euch von allem Dem ein Wort?" „Jude", rief jetzt der Andere zornlodernd, „hättet Ihr nicht ein Privilegium, ich schlüge Euch nieder auf der Stelle!" „Und ich", schrie Alexander dagegen, „ich lasse Euch hinauswerfen, wenn Ihr nicht augenblicklich geht!" Mit großer Spannung hatte Rabbi Joselmann zugehört. Da behauptete Jemand, ein Günstling des Kurmainzischen Kanzlers, ja des Kurfürsten selber zu sein — war es nicht ein Fingerzeig Gottes? Vielleicht war es ein Gott-gesandter Bote, der ihm Zutritt und Einfluß am Kurmainzischen Hofe verschaffen konnte. Und warum sollte die Erzählung des Fremden nicht auf Wahrheit beruhen? Gab es zu jener Zeit nicht fahrende