Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1879)
- Date
- 1879-03-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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304 ten an den Pflichten des Menschen und des Bürgers nicht gehindert werden" — also: die Glaubensvorschriften hindern die Juden nicht, ihre Pflichten gegen Staat und Nebenmenschen zu üben, so kann wohl das Judenthum nicht grundsätzlich staatsfeindlich sein, die Judenheit kann wohl aber auch nicht staatsfeindlich genannt werden, denn die Bekenner des Judenthums stehen ja, wie der Verfasser selbst sagt, den übrigen Staatsbürgern in Ausübung ihrer Pflichten nicht nach; woher also der obige Ausspruch, der Judenthum und Klerus zusammen als grundsätzlich der modernen Staatsidee feindlich bezeichnet? Ist kein Graf Oerindur da, den Widerspruch zu lösen? „Aber", fährt der Verfasser fort, und das soll wohl das endgiltize Argument für die grundsätzliche Gegnerschaft des Judenthums sein, .es ist nicht in Abrede zu stellen, daß der auch unter einem großen Theil der Bekenner zum Christenthum, namentlich in Deutschland beliebte staatsfeindliche rohe Kosmopolitismus im Judenthum einen sehr fruchtbaren Boden findet, der es den modernen Staatsideen oft erschwert, Wurzel zu fassen." Der Verfasser erklärt diese traurige Erscheinung durch den Druck, den man Jahrhunderte lang auf die Juden geübt, und daher Jeder einsehen müsse, „daß der Zeitraum einer Generation nicht hinreichen kann, aus dem zum Schacherjuden geflissentlich demoralisirten Individuum einen für Gott, Freiheit und Vaterland enthusiasmirten Patrioten zu erziehen." Nun ist aber diese ganze Darstellung eine falsche, Annahme wie Erklärung. Es ist eine Unwahrheit, daß der staatsfeindliche rohe Kosmopolitismus im Judenthum einen fruchtbaren Boden findet. Wohl ei» Kosmopolitismus, welcher in jedem achtungswerthen Menschen, weß Standes oder Glaubens er sei, Den Menschen ehrt, der Kosmopolitismus, welcher keine alleinseligmachende Kirche und keinen alleinseligmachenden Glauben kennt, der Kosmopolitismus', der in jedem sittlichen Menschen das Ebenbild Gottes erblickt. Aber nicht der „rohe Kosmopolitismus", unter dem der Verfasser wohl die Ideen der Internationale versteht; weder Judenthum noch Judenheit huldigen der rothen Fahne. Es ist ganz merkwürdig, wie die verschiedenen Partien sich ihre historischen Ideen fabriziren: hier wird das Judenthum als ein günstiger Boden für international-focialistische Tendenzen vorwurfsvoll bezeichnet, dort beruft dieSocialdemokratie sich auf das Urchristenthum, das unverkennbar socialdemokratisch sei. Die Erklärung nun, die der Verfasser gibt, man habe die Judenheit geflissentlich demoralisirt, die Juden könnten daher keine „für Gott, Freiheit und Vaterland enthusiasmirten Patrioten" im Zeitraum einer Generation geworden sein, ihre schnelle Emancipation sei deshalb ein Fehler, ist geradezu eine geschichtliche Unwahrheit. Wohl wäre eine andere minder kerngesunde Nation durch all die Verfolgungen, wie die Juden sie erdulden mußten, demoralisirt worden: die Juden aber sind es nicht. Daß die Ausstoßung aus der menschlichen Gesellschaft, der Ausschluß von den meisten ehrsamen Gewerben, die Nothlage, die sie zwang, Geld zu verdienen, um von ihren Peinigern die Erhaltung des Lebens sich zu erkaufen, den Handelssinn und Handelsgeist auch auf Abwege trieb, erkennen wir an; ob aber die so oft berufene, und wir sprechen es offen aus, schändliche Wucherei, in Wirklichkeit so groß auf Seite der Juden ist, wie sie dargestellt wird, ob im Verhältniß nicht ebensoviel Christen wie Juden wuchern, müßte erst statistisch erwiesen werden. Die Brille des Haffes hat Vergrößerungsgläser, darum können wir auf das von so mancher Seite erhobene Geschrei über die Wucherei Der Juden nicht viel geben. Aber demoralisirt sind die Juden durch die Verfolgungen nicht worden, sie waren Patrioten unter den Geißelhieben ihrer Verfolger, sie dürfen sich den besten christlichen Patrioten auch heute zur Seite stellen: das beweist jedes Blatt der Geschichte. Wir haben gesehen, daß der Judenhaß nicht um Gründe verlegen ist und auch nicht um das Gewand, in welches er sich kleiden will. Als Fremder wird der Jude angesehen: hier ist es seine „Nationialität" hier die schlechte Erziehung, die er in den christlichen Staaten genossen hat, die ihm den Stempel des Fremdartigen aufdrückt. Als Drittes fügen wir unseren Betrachtungen, die Durchsicht eines epochemachenden culturhistorischen Werkes bei, das sich sowohl durch Wissenschaftlichkeit als auch durch Freisinnigkeit auszeichnet, aber leider nicht frei rst von der Krankheit, die wir in unfern Artikeln einer Untersuchung unterworfen haben. Zeitu«gsriachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 14. März. Der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge ist von Seiten Deutschlands mit Rücksicht auf die von der serbischen Regierung gezeigte Bereitwilligkeit , die Bestimmung des Berliner Vertrages wegen Gleichstellung der Glaubensbekenntnisse zur Ausführung zu bringen, die Anerkennung der politischen Unabhängigkeit Serbiens ausgesprochen und der bisherige Generalconsul Graf Bray zum Geschäftsträger in Belgrad ernannt worden.