Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1879)
- Date
- 1879-03-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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284 vermuthen, wo unser Mensch enblick keine wahrnimmt. Und ich möchte daher —" „Hochwürden haben mich überzeugt;" siel die Gräfin ein, „eS bleibt also bei unserm früher» Plan, wir reisen morgen. Ich verbringe ja alljährlich die heiligen Weihnachtstage in der Residenz und ist eS mir im Grunde kein übergroßes Opfer, wenn ich mich um acht oder zehn Tage früher dorthin begebe." „Excellenz sind die personificirte Güte, wollen nicht ein Mal das Opfer gelten lassen, das Sie bringen. Doch Er, der Herz und Nieren prüft, Er hat gesprochen: was ihr dem Geringsten thut, das habt ihr Mir gethav. Und Er wird die Güte und die Liebe lohnen, die Excellenz der kleinen Heidin erweisen, Deren Seele Sie dem Höllenpfuhl entreißen." „Ich preise den Herrnentgegnete die Gräfin, die Hände faltend und den Blick zum Himmel hebend, „ich preise den Herrn, daß Er mir die Gnade erweiset. mich in meinem Alter noch so Herrliches vollbringen zu lassen." Sie hatten noch Einiges, die Seelenrettung Betreffendes zu besprechen, dann verabschiedete sich der Priester. Inzwischen war eS Abend geworden. Die alte Dame trat zur Portiöre, ihren Schützling zu sich zu rufen. Gehorsam folgte Jakobine dem Ruf und trat wieder in das Boudoir, daS von einer mattgeschliffenen Ampel von zartestem Rosenroth, die von der Mitte des Plafonds herniederhing, erhellt wurde. Staunend blickte Jakobine in dem prächtigen und doch so traulichen Raume umher, der wie mit magischem Glanze erfüllt schien. „Nun, wie gefällt es Dir hier?" fragte die Gräfin, die sich an ihrem Staunen weidete. „O, hier ist es so schön! so schön!" rief das Mädchen entzückt „und ich bin so froh, daß Sie mich hier behalten wollen und gewiß, ich will immer brav sein und immer Alles thun, was Sie mir befehlen." „Das freut mich, liebe Kleine, und nun setze Dich her zu mir und ich will Dir sagen, wie Du Dich vorläufig zu verhalten hast." Sie ließ sich bei diesen Worten auf einen Divan nieder und bedeutete dem Kinde, auf einen Schemel zu ihren Füßen sich zu setzen. Jakobine that es und blickte empor zu Derjenigen, die in dieser Pracht, diesem Glanze wie eine Feenkönigin ihr erschien. Die Gräfin wollte eben mit ihren Verhaltungsmaßregeln beginnen, als sie sich erinnerte, daß das kleine Mädchen wohl Hunger empfinden könnte. „Ach, das thut nichts"; rief Jakobine, als die Dame sich selbst der Nachlässigkeit anklagte, daß sie nicht früher daran gedacht, „das thut ja gar nichts. Ich bin nur froh, wenn ich zu Ihnen hinaufsehen darf und wenn Sie zu mir sprechen." „Ei, Du kleine Schmeichlerin", lächelte die Gräfin und drückte ihre welken Lippen auf die glatte Kinderstirn. Dann aber schellte sie und befahl dem eintretenden Diener ein leichtes Nachtessen, bestehend aus Milchspeisen und Confitüren. baldigst herbeizuschaffen, und es währte auch nicht lange, so stand das Gewünschte vor ihr. Jakobine mußte sich zum Tische setzen und ward aufgefordert, es sich wohl schmecken zu lassen. Und sie ließ sich auch nicht lange bitten, die süßen Speisen reizten gar zu sehr. Die Gräfin freute sich ihres trefflichen Appetits und ertheilte ihr zugleich die unerläßlichen Weisungen. Sie gebot Jakobine, gegen Keinen ihre Herkunft zu erwähnen und selbst Fragen nach ihrer Vergangenheit unbeantwortet zu lassen; sie werde von nun an für eine entfernte Verwandte der Gräfin gellen und als solche gehalten werden. Eine Dienerin werde ihr Morgens und Abends bei ihrer Toilette behilflich sein; doch dürfe sie sich auch mit dieser vorläufig in keine Unterhaltung einlassen. Man werde sie deßhalb für stolz Hallen, doch das dürfe sie nicht scheuen. Jakobine versprach Alleauf's Genaueste zu befolgen. Die Gräfin hatte ihre Vorkehrungen in der That mit Umsicht getroffen. Schon vor mehreren Tagen hatte sie gegen ihre Leute geäußert, daß sie die verwaiste Tochter einer Verwandten erwarte, hatte von einer Modistin aus der Residenz in einem Reisekoffer mehrere vollständige Anzüge nebst entsprechender Leibwäsche für ein zwölfjährige« Mädchen sich senden lassen und diese« ihrer Dienerschaft als die vorausgesandten Effecten ihrer jungen Verwandten bezeichnet. Sobald Jakobine ihr Souper beendet, geleitete die Gräfin sie abermals in das bereiterwähnte anstoßende Zimmer, ließ sich dort die abgelegten Kleidungsstücke ihrer Schutzbefohlenen übergeben und übergab dieser die ihr bestimmte Garderobe. Jakobine jauchzte laut auf beim Anblick all' der Herrlichkeiten, die sie nun ihr eigen neunen konnte und küßte der Gräfin nochmal- und abermals die welken Hände. Die alte Dame begann bereits aufrichtiges Wohlwollen für sie zu empfinden. Ihre seltene Schönheit, die unbewußte Anmuth, die aus jeder ihrer Bewegungen sprach, ihr Entzücken und ihr aufrichtiger Dank für Alles, was sie empfing, und vielleicht mehr als dieses Alles die unverholene Bewunderung und Verehrung, mit