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Der Israelit · 1879-03-12 · Heft 11 (12.3.1879) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 11 (12.3.1879)
Date
1879-03-12
Page
– (sequence 13)
Language
German
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286 der sie zur Gräfin aufblickte, das Allevereint hatte ihr rasch daS Herz derselben gewonnen. Sobald ihr Jubel sich etwa« gelegt, schellte die Gräfin und befahl der eintretenden Zofe, der jungen Dame beim Auskleiden behilflich zu sein. Jakobine erröthete, fie war seit Jahren an derartigen Hilfleistungen nicht mehr gewöhnt, sie hätte sie gern zurückweisen mögen, aber die Gräfin hatte eS befohlen und blieb selbst gegenwärtig, bis Jakobine sich im Bette befand. Dann trat die alte Dame zu ihr, küßte sie auf die Stirn und empfahl ihr, das Beten nicht zu vergessen. Die Gräfin hatte sich entfernt, gefolgt von der Zofe, die das Zimmer durch ein zierliches hinter einem Lichtschirm verborgenes Nachtlämpchen in ein mildes Halbdunkel gehüllt. Ehrerbietig hatte J^kobine den guten Nacht- Wunsch der Gräfin erwiedert und versprochen, das Gebet nicht zu vergessen, und als sie sich nun allein befand, richtete sie sich auf im Bette und wollte getreu ihrem Versprechen, das gewohnte Nachtgebet beginnen. Aber die Worte erstarben ihr auf den Lippen — was sollte sie beten? — DaS Schema? das die Mutter sie gelehrt? — Und über ihrem Bette hing das Bild des Stifters der chr. Religion uud schien trotz der herrschenden Dämmerung auf sie hernieder zu schauen — Mit unwillkürlichem Schauder wandte sie sich ab. Doch was strahlte, was glitzerte dort? ES war ihr Schmuck, ihr eigenes Geschmeide, das funkelnde goldene Kreuz mit den strahlenden Steinen. — Es war so schön und so kostbar. — Aber was sollte sie beten? — Nein, nein, sie konnte heute nicht beten. — Sie schloß die Augen und sank zurück, in die schwellenden Kissen. Wie waren die Betten so weich und so leicht, so ganz anders als die, in denen sie bisher geruht. O wie herrlich mußte es sich schlafen lassen in diesen weichen weißen Betten. Ob die Mutter wohl schlafen werde? — Nein, an die Mutter durfte sie nicht denken, vorläufig wenigstens nicht. Ja, wenn sie erst als große Dame die Mutter besuchen und für fie sorgen werde; — da — da — da wollte sie immer an die Mutter denken, die Gräfin hatte es ja auch gesagt, es freue sie, daß sie eine gute Tochter — ja, eine gute Tochter wollte sie stets bleiben, das gelobte sie sich auch jetzt — aber an die Mutter deukeu — nein, nein — jetzt durfte sie es nicht, sonst hätte fie sich doch nicht freuen können über! all' das Schöne und Herrliche, was sie umgab! und was fie bereits besaß. O, die Gräfin war so gut, so unendlich gut! — wie hatte sie sie in diesen wenigen Stunden! schon so reich beschenkt und hatte so freundlich zu! ihr gesprochen und fie so oft geküßt, wie ihre; Mutter wohl noch nie im Leben — Ihre Mutter — Wenn sie nur jeden Gedanken an sie hätte bannen können. — Aber es ging nicht. Sie hätte so gern geschlafen — die Gräfin hatte es befohlen, sie sollte schlafen, und sie hätte so gern jeden ihrer Befehle schleunigst vollzogen — aber vor ihre geschlossenen Augen trat die Gestalt ihrer Mutter mit dem bleichen kummervollen Antlitz — Jakobine erschien es noch bleicher als sonst — es war wohl die Angst um ihr entflohenes Kind, die den letzten Blutstropfen daraus verscheucht. — Eine namenlose Angst bemächtigte sich des leichtsinnigen, aber im Grunde ihres Herzens doch nicht bösartigen Mädchens; centnerschwer lastete die Flaumendecke auf ihrer Brust — ein Gefühl wie Reue überkam sie; in diesem Momente hätte sie Welten darum gegeben, das Geschehene ungeschehen zu machen. — Doch was sollte sie beginnen? — zurückkehren zu ihrer Mutter? — die Gräfin würde ihr es nicht erlauben; wollte sie, so mußte sie es heimlick thun. — Aber fie wußte doch nicht ein Mal, in welcher Gegend sie sich befand, welchen Weg si: wählen sollte, um zur Heimath zurückzu kehren. — Und wenn sie es gewußt, sollte sie denn in Wirklichkeit fliehen aus Glanz und Ueberfluß. um zurückzukehren zu Armuth und Entbehrungen? — sollte sie fliehen von der Gräfin, die so freundlick zu ihr sprach und so liebevoll sie streichelte, um zurückzukehren zu der Mutter, die sie mit Scheltworten empfangen würde und wohl gar mir Schlägen? — Nein, nein, die Heit der Wahl war vorüber — sie hatte der Gräfin ihr Wort gegeben, daß sie bei ihr bleiben wolle, und ihr Wort mußte sie halten. Und es war ja auch recht gut und schön, so wie es nun war; der Mutter war geholfen und auch ihr. Die Mutter war der Sorge für sie enthoben, und sie sollte eine vornehme Dame werden und die Mutter dann ernähren. Das war doch der Endzweck von Allem. Sie mußte sich diesen Zweck nur stets vor Augen halten, dann würde sie sicher nimmer Reue empfinden. O, wie schön wurde etz sein, wenn sie dereinst als große Dame zu ihrer Mutter zurückkehre« würde — wie die Mutter staunen und sich freuen

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