Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1879)
- Date
- 1879-03-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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279 freie Geistesregung in Deutschland unterdrücken; dann konnte man die Verfolgung der Juden wieder aufnehmen und die Verhaßten auS Deutschland verbannen. Daß bei Kaiser Maximilian eine Sinnesänderung zu Gunsten der Juden stattgefunden batte, schlug man nicht hoch an. Man kannte seine wankelmüthige Gesinnung und gedachte ihn durch seine Schwester, die Herzogin Kunigunde von Bayern, wieder umzuftimmen. Reichlich mit Geld und Empfehlungen vergehen, reiste Pfefferkorn nach Mainz. Aber der Kurfürstliche Hof befand sich, trotzdem es schon Januar war, noch in der Sommerresidenz zu Aschaffenburg, wo die Luft dem leidenden Kurfürsten zuträglicher war. Auch die hohen Herren, an die Pfefferkorn empfohlen war, die Kurfürstlichen Räthe Adolph von Stockheim und Christoph von Gabelenz, befanden sich in Aschaffenburg. Daher reiste Pfefferkorn sofort dahin ab. Durch die beiden Räthe wurde er mit sämmtlichen Bediensteten des Kurfürstlichen Hofes bekannt gemacht, und nun fing er an zu spioniren und auSzuforfchen, bis er einen Umstand erfuhr, den er auszubeuten beschloß. Der Kellermeister des Kurfürsten war nicht ehrlich; er entwendete seinem' Herrn Wein und ließ diesen nächtlicher Weise aus dem Keller schaffen. Pfefferkorn schrieb eine Denunciation und ließ diese durch einen Knaben, wie wenn es eine Bittschrift wäre, dem Kurfürsten bei einem Spaziergange überreichen. Die Anzeige hatte den gewünschten Erfolg. In der darauffolgenden Nacht lauerte der Kurfürst dem unehrlichen Bediensteten auf und ertappte ihn auf frischer That. Von heftigem Zorne fortgerissen, ergriff er ein großes Messer, das im Keller lag, und führte damit einen so unglücklichen Streich auf den Kopf des Kellermeisters, daß dieser todt zu Boden' stürzte. Von bitterer Reue ergriffen, floh der Erzbischof den Schauplatz der vorschnellen That und eilte nach Mainz. Unterdeß war Thauwetter eingetreten. Der Rhein, bis dahin zugefroren, war eben aufgegangen, und eine Eisscholle drängte die andere; ein dichter Nebel bedeckte die Gegend, und kein Schiffer fand sich, der es gewagt hätte, den gefährlichen Strom zu passiren. Da setzte der Kurfürst ganz allein in einem kleinen Nachen über den Strom, begab sich in fein am linken Rheinufer belegenes Residenzschloß, die Martinsburg; hier fühlte er sich so krank, daß er sofort sich zu Bett legen mußte. Er starb am 9. Februar 1514, in einem Alter von kaum 45 Jahren. Die armen, bedrängten und verfolgten Juden hatten einen Freund und Beschützer verloren. Ueberall. wohin die Kunde kam, war Trauer und Wehklagen. Als Rabbi Joselmann die betrübende Nachricht erfuhr, eilte er sogleich »ach Frankfurt, um dem Schauplatze der sich entwickelnden Dinge näher zu sein. Daß sich viele Bewerber fanden, die nach dem ersten und schönsten der deutschen Kurfürsteathümer strebten, kann man sich leicht vorstellen. Tagtäglich trafen in Mainz Gesandte von deutschen Fürsten ein, welche das Domkapitel ersuchten, bei der bevorstehenden Wahl einen Sohn, Bruder oder Vetter des betreffenden Fürsten zu berücksichtigen. Der Kurfürst von der Pfalz bot Alles auf, um die Wahl des einen oder des andern Prinzen seines Hauses durchzusetzen; gab es doch zwei Bischöfe in seiner Familie: Der Bischof von Speyer und der Bischof von Freisiug. Kaiser Maximilian empfahl seinen Verwandten, den jungen Herzog Ernst von Bayern, und ließ mit seiner höchsten Ungnade drohen, wenn man feine Empfehlung nicht berücksichtigen würde. Auch der Herzog von Württemberg und der Markgraf von Baden bemühten sich für ihnen verwandte Prinzen. Allein die Entscheidung lag ganz wo anders als in den Werbungen des Kaisers und der Fürste«. Gleich nach dem Tode UrielS waren die Kölner Dominicaner Tongern und Hochstraten nach Mainz geeilt und hatten es durchgesetzt, daß das Mainzer Domcapitel den Beschluß faßte, den zu wählenden Kurfürsten dahin zu verpflichten, daß er nach Antritt der Regierung nicht allein die Juden aus dem Kurfürstenthume Mainz ausweise, sondern auch dahin trachte, daß sie aus allen benachbarten Ländern ausgewiesen werden. Nun würde wohl jeder Bewerber bereit gewesen sein, eine solche Verpflichtung zu übernehmen, es kam aber noch etwas Anderes hinzu. Uriel von Gemmingen hatte nur sechs Jahre regiert; sein Vorgänger, Jakob von Liebenstein nur vier Jahre. Jedesmal hatten die Palliengelder im Betrage von mehr als 20,000 Gulden nach Rom bezahlt werden müssen. Eine für die damalige Zeit so ungeheure Summe jetzt wiede. um im Kurfürstenthume zu erheben, schien ganz unmöglich. Es wurde also die Bedingung gestellt, daß der neu zu erwählende Erzbischof die Palliengelder aus eigenen Mitteln bestreite. Auch auf diese Bedingung wäre jeder Bewerber gern eingegangen, hätte er auf baldigen Ersatz durch die Einkünfte des Kurfürstenthums rechnen dürfen; aber die reichsten Einnahmen der Fürsten bestanden in jener Zeit in den übermäßigen Steuern, welche die Juden zu zahlen gezwungen waren. Zwanzigtausend Gulden herzugeben und zugleich durch die Vertreibung der Juden die Aussicht auf baldigen Ersatz abschneiden zu sollen, das überstieg die Leistungsfähigkeit aller obengenannten Prinzen.