Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1879)
- Date
- 1879-03-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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276 wird auch der jüdische Leser über derselben lachen. Bedenklicher wird die Sache, wenn es immer gerade der Jude sein muß, der als Typus des Gauners und Betrügers in den Illustrationen figurirt. Wir sind es also gewohnt, oder sind vielmehr daran gewöhnt worden, dieses Blatt zu den judenfeindlichen zu zählen. Mehr aber noch als alles bisher Dagewesene wird das in Nr. 1747 mit raffinirter Berechnung gezeichnete „Genre- Bild" („Ein Samstag-Nachmittag in einem Münchener Kaffeehaus") den Beweis liefern, zu welch' bedenklichem Grad der Judenhaß-Paroxysmus sich bei dem Zeichner dieses Bildes gesteigert hat. Es ist das Innere eines Kaffeehauses. Eine Menge ooy Kindern, durch dicke krummen Nasen gezeichnet, weß Stammes sie seien, tummelt sich umher, eines schreit, ein anderes schleift eine Zeitung hinter sich her, eines schwingt ein Blatt in der Luft herum und hüpft dabei, eines hängt sich ans Billard u. s. w. Es muß ein Höllenlärm sein, bei dem es Niemand aushalten kann, denn zwei Christen flüchten sich zur Thür hinaus, von denen der eine sich noch einmal im Fortlaufen umwendet und uns sein entrüstetes Gesicht zeigt, während die Mütter der Kleinen und Großen wohlgefällig auf ihre lärmiMden Sprößlinge Hinblicken. Hier sind die Juden nicht als Spitzbuben oder Gauner gezeichnet, und doch ist dieses Bild giftiger als die übrigen, denen wir in dem an Rischuß reichem Blatte noch begegnet sind. Der Gedanke, der durch diese Darstellung ausgedrückt werden soll ist: die Juden sind unerträglich, sie verscheuchen durch ihr Gebühren die anständige Gesellschaft, man muß dieses Gelichter meiden. Bis ins kleinste Detail ist die Bosheit ausgedrückt: der Junge, der mit ausgelassener Freude'die Zeitung schwingt, mag wohl seiner Freude über hohe Courfe Ausdruck geben, denn es ist der „Börsen-Courier", den er triumphirend hoch hebt. „Seht, so erziehen die Juden ihre Kinder, schon ein zwölfjähriger Junge weiß nichts Besseres als nach den Coursen zu sehen! Da habt ihr den angebornen und anerzogenen Schachergeist!" Kann man wohl etwas^ Anderes herausnehmen. Da sitzt auf einem Stuhle ein ungefähr lljähriges Mädchen ein Blatt lesend; was fesselt ihr Interesse so sehr? Das Journal amüsant mit einem obscönen Bilde auf der Vorderseite. So sollen die jüdischen kleinen Mädchen als schon sittenverdorben an den Pranger gestellt werden. Wahrlich! die größte Rede des größten Judenfeindes könnte nicht so sehr die Juden der allgemeinen Verachtung Preis geben als dieses spannengroße Bild. Doch genug davon! Wir wenden uns von diesem unanständigen Rischuß ab, und gehen nun zu ernsteren Werken unserer Literatur über, um zu zeigen, daß denkende und gebildete Männer trotz ihrer Bildung und ihres freiheitlichen Sinnes doch noch nicht ganz von dem Freiheitsgedanken, daß auch der Jude vollberechtigt sei, so erfüllt sind. wie Lessing schon vor hundert Jahren wünschte, daß es heute sein möchte. 3eituvgsnachrichten und Correspondenzen. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 27. Febr. Heute fand die Schlußsteinlegung zu dem vom Architekten und Gemeinderathe Wilhelm Staßny ausgeführten Ceremonien- Gebäude auf dem der isr. Gemeinde gehörenden Theile des Central - Friedhofes statt. Bei diesem Acte waren der Vorstand der Gemeinde und die Bauwerkleute anwesend. Nach Verlesung der Urkünde durch den Secretar Dr. v. Frankl hielt der Vorstands-Präsident Dr. Kuranda an die Versammelten eine Ansprache, in welcher er dem bauleitenden Comite, insbesondere dem Vorsitzenden desselben, Herrn G. Ritter v. Epstein, den wärmsten Dank sagte, ferner dem Architekten Staßny für den von ihm künstlerisch ausgeführten monumentalen Bau und ebenso den Handwerkern für ihre thatkräftige Mitwirkung die verdiente Anerkennung m beredten Worten aussprach. Hierauf wurde die Urkunde in die Höhlung versenkt, dieselbe mit einer Marmortafel geschlossen, auf welche die üblichen Hammerschläge gegeben wurden. Die Benützung des Friedhofes ist bei dieser Gelegenheit für Mittwoch den 5. März festgesetzt worden. Rumänien. Bukarest. Die Juden-Frage wird noch im Laufe dieser Woche in eine neue, die Austragung derselben ernstlich fördernde Phase treten. Es beginnt nämlich schon übermorgen die vom Art. 129 der Verfassung vorgezeichnete Lesung der von der Regierung den Kammern vorgelegten Declaration, laut welcher Art. 7 der Constitution als modificationsbedürftig bezeichnet wird. Die Sections- Ausschüsse beider Kammern haben diese gouvernementale Vorlage angenommen; cs kann somit keinem Zweifel unterliegen, daß auch das Plenum der Häuser dieselbe annehmen werde. Daß es bei den betreffenden Debatten an breitspurigen Reden pro und contra dann natürlich auch nicht fehlen wird, liegt auf der Hand, denn das ganze rumänische Temperament müßte sich verleugnen, wenn eine so ausgezeichnete Gelegenheit verpaßt würde,