Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1879)
- Date
- 1879-03-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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275 ist in dem Theile Europas, den wir ÄV^klMisirt bezeichnen können, unschädlich. Gegen Ausschreitungen, welche direct Gesundheit und Vermögen eines Juden bedrohen oder tatsächliche Aufreizung hervorzurufen im Stande ist, schützt die Polizei und der Gerechtigkeitssinn der höchsten Behörden. Aber das civilisirte Rischuß, welches den Pferdehuf durch den modischen Stiefel fein verdeckt, das seine Angriffe mit philosophisch klingenden Floskeln zu verhüllen versteht, das im Gewände unparteiischer Geschichtsforschung auftretend, um der Humanität willen zu kämpfen vorgibt und in Wirklichkeit gegen die Humanität kämpft, das rein objectiv fein will und in Wirklichkeit so gar subjeciiv ist, das immer glauben machen will, es meine die Sache und in Wirklichkeit die Person trifft: das ist das gefährliche Rischuß , und dieses kann nicht genug bekämpft werden. Dieses Rischuß ist deshalb so gefährlich, weil entweder die Person, von der es ausgeht, demselben Relief verleiht, oder die Form, in welcher es auftritt, für LaS große Publikum etwas Bestechendes hat, so daß es durch nichts Anderes unschädlich gemacht werden kann, als durch den Nachweis, daß es eben Rischuß ist, welches zumeist auf anerzogenem Vorurtheil beruht und somit eine KrankheitSfvrm angenommen, die mehr auf unser Mitleid Anspruch machen als unsere Entrüstung Hervorrufen sollte. Und wenn wir nun fragen: welcher Gedanke ist es denn, der dieser Idiosynkrasie zu Grunde liegt, der dieses Vorurtheil geschaffen. Las sich in manchen Köpfen zur fixen Idee steigert? so müssen wir antworten, der: der Jude ist eigentlich ein Fremder, sein Dasein ist nur eine Vergünstigung. Darum ist sein Vergehen ein größeres, als das eines Nichtjuden, wie man ja in einem fremden Hause sich weniger erlauben darf, als in seinem eigenen, und seine Vorzüge, die er zur Geltung zu bringen sucht, sind Beweise einer taktlosen Unbescheidenheit, durch welche er seine freundlichen Gastgeber in den Schatten stellen will. Wir werden dieses dyrch Beispiele belegen und damit zugleich den Beweis liefern, daß trotz des 19. Jahrhunderts der Frciheitssinn noch nicht so ausgebildet ist, wie man zu erwarten sich wohl berechtigt glauben möchte. Das ist der Gedanken - Motor , welcher die Germania zu ihren ausgesprochen judenfeindlichen Ergüssen und Treitschke zu seinen Andeutungen tretbt, die Richtungen unterscheiden sich nur im Grade, nicht in ihrem innersten Wesen. Wenn z. B. die Germania im vorigen Sommer eine Reihe judenfeindlicher Artikel brachte, in denen sie die Judenheit für die Socialdemokratie verantwortlich machte und die Juden inSgesammt als Socialdemokraten anschwärzte, weil unter diese« sich auch Juden fänden, so erwies sich daraus, daß bei dem Verf. dieser Artikel die Idiosynkrasie sich zu einer fixen Idee gesteigert hatte, — wenn es nicht geradezu purebewußteBoöheit war, welche dieabsichtliehe Lüge nicht scheute, —die allerdings fürdieSicherheit der Umgebung bedenklich ist. Ihren Grund findet aber diese Geistesstörung in der traurigen Wahnvorstellung, daß die Juden nicht vollberechtigt seien, weshalb ein Jude, der es sich unterfange , socialdemokratischen Ideen zu huldigen, ein doppeltes Verbrechen begehe: das, Socialdemokrat zu sein und dann als Jude es zu sein, der als Fremder schon ohnedies nicht das Recht einer eigenen Meinung habe. Was aber der einzelne Jude thut, wird aus eben derselben Anschauung heraus, daß die Juden eine besondere Nationalität bilden, der Gesammtheit aufgemutzt, wie man ja oft gewohnt ist, die üble Gewohnheit eines durchreisenden Engländes als einen Nationalfehler der Engländer zu bezeichnen. Hat sich die Wahnvorstellung so zum Haß gesteigert, so ist das Urtheil so getrübt, daß die geringste Veranlassung zu einer willkommenen Gelegenheit wird, einen Stein auf den. Gegenstand seines Hasses zu werfen und daß die Fehler in so großen Verhältnissen dem durch die Brille der Feindschaft schauenden Auge erscheinen, daß an dem Gegner kein gutes Haar gelassen, und er als Inbegriff aller Schlechtigkeit hingestellt wird, um auch zugleich dadurch die Berechtigung dieses Hasses zu beweisen. Gemeinschädlicher aber als die Expectorationen der Germania und deren Conforten, die doch immerhin nur in kleinem Kreise Eingang finden und zwar nur in solche, die bereits von Vorurtheil gegen die Juden erfüllt find und wegen des Staatsanwalts doch vorsichtig in ihren Ausdrücken sein müssen, wirkt der Judenhaß, welcher für seine Bedürfnisse das Bild zur Hülfe nimmt und durch das Lächerlichmachen der Juden sie zugleich dem Spott und der Verachtung aussetzt. Und darum schreiben wir den Münchener „Fliegenden Blättern", deren Holzschnitte auf künstlerische Vollkommenheit in ihrer Art Anspruch machen dürfen, mit ihren die Juden verspottenden Darstellungen weit gefährlichere Wirkungen als der Hetzpreffe zu. Es vergeht fast keine Nummer dieses Blattes, in welcher nicht die orientalisch gebogene Nase erscheint; einmal ist der Träger desselben ein Parvenü, der sich durch sein vornehmthuendes Gebühren lächerlich macht, einmal ein Halbgebildeter, der sich in seinen Ausdrücken Blößen gibt. Das ist noch harmlos, und ist der Witz gelungen,