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Der Israelit · 1879-03-12 · Heft 11 (12.3.1879) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 11 (12.3.1879)
Date
1879-03-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Ligen Gott, den König der Welt, gepriesen zu haben. Unsre Weise machen auf einen scheinbaren Widerspruch aufmerksam, der sich in zwei Aussprüchen der heiligen Schrift findet. In dem einen heißt eS: „Dem Ewigen ist die Erde und was sie füllt", während der andere sagt: „Die Erde hat Er den Menschensöhnen gegeben." Und es lehren die Weisen, daß die Erde solange Gottes ist, solange wir die betreffende Berachah noch nicht gesprochen, daß Gott aber die Erde und ihre Erzeugnisse uns schenkt, sobald wir durch Berachah Ihn als den Herrn und Spender anerkennen. Welch ein herrliches Erziehungsmittel bietet doch die jüdische Mahlzeit! Wenn die Eltern darauf halten, daß die Kinder sich zuvor die Hände waschen, und daß sie die vorgeschriebenen, kurzen Segenssprüche mit Verftändniß sprechen, wenn die Eltern, vor Allem, mit gutem Beispiele darin vorangehen, welch eine Weihe, welch eine Heiligung erlangt da das Allergewöhnlichste, Essen und Trinken! — Wenn ferner der Vater darauf hält, daß während jeder Essenszeit (nicht während des Essens) das Wort der Gotteslehre den Stoff der Unterhaltung bildet, wenn er die Kinder nach dem fragt, was sie lernen oder gelernt haben, wenn er selbst es sich angelegen sein läßt, irgend eine Mizwah, die gerade an der Zeit ist, oder einen Vers aus dem Wochenabschnitte, der Haph. thara, einen Spruch aus den Sprüchen der Väter, eine Agadah aus dem Menorath Hamaor, oder was sich sonst eignet, mit den Seinen zu besprechen, es zu erklären — wie wird da die Tischzeit geweidet und geheiligt, welch ein erhabenes Band schließt sich da um die Tischgenossen, wie wird da Essen und Trinken so ganz etwas Anderes, Besseres , Herrlicheres! Die Kinder erlangen Liebe zur Gotteslehre; der Hausherr selbst wird gezwungen, sich zu unterrichten, in unfern heiligen Schriften zu forschen, Vorträge zu besuchen, die ihm den Stoff zu der geistigen Anregung der Seinen bieten. Und wenn es manchmal in den Verhältnissen liegt, daß die Tischzeiten des Alltagslebens nicht geistig durchwoben werden können, so sollten es doch stets die Mahle an Sabbaten, Festtagen , Halbfeiertagen sein! O, wie viel besser wäre eS heute um die Frömmigkeit in jüdischen Kreisen bestellt, wenn in den jüdischen Familien die Mahlzeiten — nur an den Sabbaten und Festtagen — wahrhaft jüdisch gehalten worden wären! Den Beschluß der jüdischen Mahlzeit macht das Tischgebet, eine Gottgebotene Pflicht, wie es heißt: „Und Du sollst essen und Dich sättigen und preisen den Ewigen, Deinen Gott." Alle unsre Gebete sind schön und erhebend; es ruhet ersichtlich der tenipn nn, der heilige, gottgespendete Geist auf ihnen; aber keins ist schöner als das Tischgebet: die Anerkennung des Schöpfers und Ernährers der Welt, die Dankbarkeit für empfangene Wohlthaten, die Erinnerung an Israels Geschichte und erhebenden Beruf, die Innigkeit der so mannigfaltigen Bitten um Nothwendiges und Wünschenwerthes kann kaum mit schöneren, mehr zu Herzen dringenden Worten ausgesprochen werden. Unsre Alten hatten ein Sprichwort; das lautete: „Benschen soll man wie man Brabauter Thaler zählt!'*) Der Sinn dieses vergessenen Sprichwortes ist, daß, wie man sich wohl hütet, Brabanter Thaler oberflächlich zu zählen, vielleicht ein Dutzend oder mehr nicht mitzuzählen, man auch beim Tischgebet jedes einzelne Wort beachte und mit Sinn und Verftändniß spreche. — Das aber geschieht selbst in frommen Kreisen vielfach nicht; man sagt die Worte gedankenlos her und vertreibt sich auch wohl die Zeit dabei mit allerlei Gebehrden rc.. während Andere, die nicht „mitbenschen", sich laut unterhalten, und der „Benschende" durch Zeichen oder unarticulirte Töne seinen Widerspruch oder sein Verftändniß zu erkennen gibt. Und selbst an Sabbaten und Feiertagen, da man doch Zeit genug hat, so lange bei Tisch zu sitzen, wie man will, wird dem Tischgebet wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Dem sollte nicht so sein! Das ordentliche, andachtsvolle Sprechen des Tischgebetes ist, wie kaum etwas Anderes, dazu angethan, nicht allein das religiöse, sondern auch das materielle Wohl der Familien zu fördern. Wir wollen nur ein Beispiel geben. Das Kind, das seinen Vater mit Andacht beten hört: „Der Barmherzige, Er möge uns in Ehren unsre Nahrung finden lassen!" wird schon früh von dem Gedanken durchdrungen werden, wie wichtig eS für jeden Menschen ist, seines Leibes Unterhalt in Ehren zu erlangen. Der Tisch, an dem wir essen, er stehe. wie der Tisch im Heiligthume, vor Gottes heiligem Antlitze! (Fortsetzung folgt.) % i f u % II. 8. Herr Treitschke steht in unserm „aufgeklärten" Jahrhundert nicht allein. Das grobe Rischuß, welches die nervige Faust drohend erhebt oder mindestens seinem Gefühle in groben Schimpfwörtern Luft macht, ziehen wir hier nicht in Be- *) Ein Brabanter Thaler ist 4 M. 63 Pf.

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