Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1879-03-05 · Heft 10 (5.3.1879) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 10 (5.3.1879)
Date
1879-03-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2447797-2447808--15914-2471881
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

252 „Der König nicht", erwiederte der Geistliche lächelnd, „aber ihre Excellenz die Frau Gräfin Waldenfee. Es ist ihr eigenes Schloß. Komm' Kind." Er nahm sie an die Hand und verließ mit ihr den Schlitten und führte sie die breiten Marmorstufen hinan. Der gallonirte Bediente folgte in ehrerbietiger Entfernung. Jakobine schrick wie im Traume einher, wie geblendet von all' der Pracht; sie kam sich vor wie in einem Mährchen. Das hohe stolze Gebäude mit seinen Thürmen und Zinnen und der prächtigen Säulengallerie. — Und nun erst die Halle, in die sie jetzt eintraten! — Wie da Alles glänzte und schimmerte! — Und die hohen farbenreichen Wandgemälde und die reichen Marmorgruppen! — Geblendet und nahezu bestürzt von alle dem Wunderbaren klammerte sie sich fest an ihres Führers Hand, der eben mit einem nobeln Herrn, es war der Kammerdiener der Gräfin, einige Worte wechselte. Was die Herren mit einander gesprochen, Jakobine hatte es nicht verstanden; aber sie schritten nun abermals eine breite, teppichbelegte Stiege hinan und gelangten in einen Corridor. Ein Be» dienter eilte ihnen voraus und öffnete eine hohe, breite Flügelthür und Jakobine trat in einen Saal, dessen Schönheit und Pracht sie so sehr in Staunen setzte, daß sie des spiegelglatten Parquettes nicht achtete, auf dem sie dahin schritt; sie glitt aus und wäre zu Boden gestürzt, hätte der Pfarrer sie nicht gehalten. Mit freundlichen Worten beschwichtige er die Erschreckte und geleitete sie nun sorgsam zu der gegenüberliegenden Thür. „So, so, so, mein liebes Kind, da sind wir im Boudoir ihrer Excellenz, da brauchen wir nicht fürchten auszugleiten." Und in Wirklichkeit, der Boden, den Jakobine jetzt betrat, war mit einem Teppich belegt, so dick, daß ihr Fuß tief darin einsank; ihr war, als ginge sie auf schwellendem Rasen, und trotz der schneebedeckten Fluren duftete es so herrlich in dem Raum, wie von Rosen und Jasminen. Schwere golddurchwirkte Sammettapeten deckten die Wände, schwere Sammtvorhänge verhüllten zum Theil die großen blinkenden Spiegelscheiben und dämpften das sonst wohl zu grell' eindringende Tageslicht. Herrlich gepolsterte Divans und Fauteuils und allerhand Möbel, die Jakobine nicht einmal dem Namen nach kannte, schmückten den für des Kindes Augen wunderbar schönen Raum. In der Nähe des Fensters, in einem hohen prächtig geschnitzten Fauteuil lehnte eine ziemlich corpulente Dame in dunkelem, schwerem Seidenkleid. Graue Locken drangen aus der feinen > Spitzenhaube hervor und schmiegten sich an den I gelben faltigen Hals. Freundlich begrüßte die j alte Dame den Priester. j „Willkommen, Hochwürden! Bringen Sie da Ihren kleinen Schützling? Nur näher, liebes Kind, und laß' Dich anschauen." Der Geistliche beugte sich nieder zu dem verwirrten, schüchternen Mädchen und flüsterte ihr einige ermutigende Worte zu. Jakobine trat näher und zog die volle reichberingte Hand der Gräfin an ihre Lippen; ein süßer, fast sinnverwirrender Wohlgeruch strömte ihr entgegen. Freundlich streichelte die Gräfin die rosigen Wangen des Kindes; der Geistliche zog die Kaputze zurück und die langen, blonden Locken quollen hervor. „Ei, sieh da, welch prachtvolles Haar! willst Du denn den schweren Mantel nicht ablegen, liebes Kind?" Der Geistliche warf der Gräfin einen bedeutsamen Blick zu. „die Toilette der Kleinen ist wohl nicht ganz in Ordnung, wenn Excellenz vielleicht eine andere —" „O gewiß, es ist für Alles gesorgt." Die Gräfin erhob sich und trat seitwärts zu einer Portiere, die sie ein wenig zurückschob. „Komm liebes Kind, Du thust mir wohl den Gefallen, da drinnen liegt ein hübscher Anzug, ich hoffe, er wird Dir passen, lege ihn an und wenn er Dir gefällt, soll er Dein sein", und damit schob sie das Kind in den angrenzenden Raum und die Portiere fiel hinter ihr zu. Neugierig blickte Jakobine um sich. Es war ein kleines freundliches Zimmer, in dem sie sich befand. Ein schwerer, blumenreicher Teppich bedeckte zwar auch hier den Boden, denn die Gräfin liebte das Geräusch von Fußtritten nicht, aber die Möbel waren ziemlich einfach, aber doch schöner, als Jakobine sie je gesehen. Und ein großer Spiegel, weit größer als die Gestalt des Kindes, und auf einem Kleiderstock vor dem Spiegel hing ausgebreitet ein reizender Anzug von feinem blauen Wollstoff mit weißen Spitzen reich verziert. Jakobine gedachte der freundlichen Worte der Gräfin und säumte nicht lange. Rasch entledigte sie sich des schweren Menzikoffs, warf die eigenen schäbigen Kleider ab und schlüpfte in die wunderschönen neuen, und Alles paßte, als ob es für sie gemacht worden wäre, nichts fehlte. Staunend betrachtete Jakobine die eigene zierliche Gestalt, die in den feinen Kleidern zum ersten Mal zur vollen Geltung kam. Und wie prächtig die schweren schimmernden Locken über den blendend weißen Nacken hinab fielen auf das himmelblaue Leibchen. Wenn die Gespielinnen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.