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Der Israelit · 1879-03-05 · Heft 10 (5.3.1879) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 10 (5.3.1879)
Date
1879-03-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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253 sie so sehen würden, wie würden sie sie Alle beneiden — und waS wohl die Mutter sagen würde, wenn sie in dieser Pracht und Herrlichkeit vor sie treten würde — ob sie sich wohl freuen würde? — Ach, Jakobine fürchtete sehr das Gegentheil — aber zürnen konnte sie doch auch wohl nicht, denn Jakobine hatte doch im Grunde nichts Böses gethan, wenigstens nichts, was die Mutter ihr verboten. — * Doch halt, war denn nicht Sabbat heute? — und sie war am Sabbat gefahren! — Jakobine sah ihr Spiegelbild erbleichen und angstvoll hob sich ihre Brust. Wenn die Mutter das wüßte! wenn sie das wüßte! — In dem Entzücken über ihre erste Schlittenfahrt hatte sie des Sabbats vollständig vergessen — das war doch begreiflich. Aber die Mutter würde es nimmer begreiflich finden und noch weit weniger verzeihlich. — O, o! wo sollte sie sich vor der Mutter verbergen? — Wenn n'?r die gute Gräfin, sie gleich bei sich behalten wollte, da brauchte sie den Zorn der Mutter nicht zu fürchten und könnte alle Tage in dem prächtigen Schlitten fahren und alle Tage Chokolade trinken und diese schönen herrlichen Kleider! — Ach wenn nur die Gräfin — „Nun Kleine, hast Du Deine Toilette beendet?" Jakobine wandte sich hastig um. die Gräfin stand vor ihr. Verwirrt senkte das schüchterne Mädchen daS Auge,-aber der Gräfin entfuhr ein Ausruf des Staunens, das Kind war in Wirklichkeit reizend anzuschauen. „Kuperbs! maAniügue! Hoch würden!" rief sie, indem sie die Portiere wieder zurückschlug und Jakobine in ihr Boudoir zog; „da sehen Sie einmal den kleinen Cherub. nur die Flügel fehlen, sonst könnte man sie in Wirklichkeit für einen Engel halten!" und beide überhäuften nun das schöne Kind mit Schmeichelworten und Liebkosungen. „Du lieber, kleiner Schatz, möchtest Du wohl bei mir bleiben?" Jakobinens Herz pochte laut. „O, wie gern möchte ich bei Ihnen bleiben — wenn ich Ihnen nur gefiele —" „Freilich gefällst Du mir, liebes Kind, und also ist es abgemacht, Du bleibst bei mir. gleich heute. Hören Sie es, Hochwürden, die Kleine fährt nicht wieder zurück mit Ihnen." „Das thut mir freilich leid, daß ich den Heimweg nun allein zurücklegen muß", erwiederte der Geistliche lächelnd, „aber Ihrer Excellenz überlasse ich das brave Kind gern. Und nicht wahr, Jakobine, Du wirst immer brav sein und durch Folgsamkeit und Fleiß die Güte ihrer Excellenz zu verdienen suchen?" „O gewiß", betheuerte Jakobine, „ich werde immer brav und fleißig sein und Alles tbun, was Sie mir sagen", und auf des Pfarrers Wink zog sie abermals der Gräfin Hand an ihre Lippen. Es lag eine eigenthümliche Anmuth und Grazie in allen ihren Bewegungen und liebkosend glitten die Finger der Gräfin durch ihre goldne glänzenden Haare. Jakobine erröthete. „Aber", sprach sie schüchtern. „wenn ich groß bin und viel Geld verdienen kann, dann darf ich doch wieder zur Mutter gehen, damit die Mutter nicht mehr so viel arbeiten muß!" „Ganz gewiß, liebes Kind", versicherte die Gräfin „und es freut mich herzlich, daß Du eine so gute Tochter bist und Deiner Mutter helfen möchtest. Sei nur immer recht fleißig und vor Allem recht folgsam, da wirst Du Deine Mutter schon recht bald unterstützen können. Und weil Du ein so liebes Kind bist, will ich Dir auch etwas Hübsches schenken. Schau ein Mal her, wie gefällt Dir das?" Sie öffnete bei diesen Worten ein zierliches Etui, das vor ihr auf dem Tische stand und nahm ein feinzearbeitetes Kreuz heraus von glänzendem Golde besetzt mit funkelnden Steinen; es war an einer goldenen Kette befestigt, die die Gräfin um den Hals des kleinen Judenmädchens schlang. Jakobine zuckte zusammen und wie ein Gluthström schoß es ihr aufwärts und Antlitz, Nacken und Schultern waren im Moment wie mit Purpur übergossen. Trotz ihrer Unwissenheit und trotz ihres Leichtsinnes empfand sie dennoch die volle Bedeutsamkeit des Moments, in dem das Symbol eines fremden Glaubens auf ihren Busen niedersank. Die Gräfin und der Geistliche sahen einander lächelnd an, während der Blick des Mädchens wie gebannt an dem glänzenden Geschmeide hing. „Nun. wie gefällt Dir der Schmuck? ist er nicht schön?" „Sehr schön", stammelte Jakobine. „Und sehr kostbar" , fügte der Pfarrer hinzu. „Willst Du Ihrer Excellenz nicht danken für das kostbare Geschenk." „Ich danke". flüsterte das Mädchen und zog die Hand der Dame an ihre Rippen — aber ihre Lippen bebten. „Es wird Zeit, daß ich mich auf den Heimweg mache", sprach der Pfarrer, indem er sich erhob. „Adieu, mein gutes Kind. Der Herr segne Dich und behüte Dich und verleihe Dir Einsicht und Erkenntniß und lasse Dich heranblühen und gedeihen zur Freude Deiner edlen Wohlthäterin." Er reichte dem Mädchen die Hand, die sie ehrerbietig küßte; dann führte er sie zu der Portiere.

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