Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1879)
- Date
- 1879-03-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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250 Männern in Abrede gestellt werden, aber es kommen höchstens 1—2 auf jede Stadt. Auf die Jugenderziehung wird bei den Karäern keinerlei Sorgfalt verwendet. Nicht nur die armen Kinder, sondern auch die der Reichen, wachsen ohne religiöse und sociale Bildung heran Die Lehrer sammeln 40—60 und mehr Knaben, die täglich 5—6 Stunden ohne Ordnung und System unterrichtet werden. Versteht der Knabe nun sein Gebetbuch einigermaßen zu radbrechen, so verläßt er die Schule und verlegt sich auf's Geschäft*). — Bringts aber ein geweckter Knabe dazu, einen Abschnitt aus der Thora übersetzen zu können, so gibt ihn sein Lehrer sofort für einen der ersten Weisen aus, und stellt ihm ein Zeugniß aus, daß er befähigt sei, Gcmeinderabbincr zu sein, worauf hin das'große Beth-Din ohne weitere Prüfung feines Wissens oder Charakters die nöthige Bestätigung ertheilt**). In der That ist es sehr leicht, bei den Karäern Rabbiner zu sein. Rituale Fragen zu entscheiden gibt es nicht, denn sie haben kein Ritual, Streitigkeiten über Mein und Dein entscheidet die staatliche Behörde, Schächten kann jeder, der einen starken Arm hat und ein Messer halten kann, das Fleischporschen ist so ausschließlich Sache der Frauen, daß sich kleine Mädchen schon darauf verstehen. Der Rabbiner hat Nichts zu thun als die Knaben Hebräischlesen und Vorbeten zu lehren, nur hie und da hält er einen Vortrag, in welchem er seiner Heerde Moral zu predigen hat. Ist der Rabbiner aber ein so großer Gelehrter, daß er den „Hamagid" oder die „Zephira" lesen kann, so excerpirt er von dort die Deraschah irgend eines Rabbaniten. Solcher großer Gelehrten gibt es aber auf der ganzen Halbinsel Krim nur' — fünf, sonst versteht' die ganze karaitische Bevölkerung nicht so viel, um in jüdischen Angelegenheiten zwischen rechts und links unterscheiden zu können. Die Karäer, d. h. die conservativen, nicht „aufgeklärten" sind wie alle orientalischen Völker, gastfreundlich. Die mit europäischem Firniß übertünchten, haben auch nicht einmal diese Tugend. Ihrer geringen geistigen Befähigung gemäß, eignen sich die Karäer durchaus nicht' für Wissen- * t Leider, leider isl auch dieses leine ausschließlich karaitische Gigeiuhümlichkcit! **) sollte also einmal eine deutsche Gemeinde das Unglück haben, einen Nabbiner zu bcimen, der ein notorischer „Am Haare;" ist, so kann sie denselben »ans gone nach der Krim schicken, ivo er sein Brod in Ghren verdienen ltitb genießen kann, ohne sich und seine Gemeinde;u blannren. schüft und Kunst, auf Arithmetik versteht sich nicht ein Einziger unter ihnen. Dagegen trinken sie gern viel, so daß man unter ihnen mehr Trunkenbolde als bei andern Völkern findet. Ihrer Natur nach sind sie furchtsam wie die Hasen und zittern vor einem fallenden Baumblatt. Deßhalb strebten sie auch mit aller Macht darauf hin Militärfreiheit zu erlangen, und ließen es sich viel Geld kosten in der Residenz einen Beamten zu gewinnen, der ihnen zur Erlangung dieses Privilegiums behilflich war. Als im Jahre 1874 ihnen die bis dahin gewährte Militärfreiheit durch kaiserlichen Befehl entzogen wurde, geriethen sie ganz außer Rand und Band. Allüberall beriefen sie Versammlungen und fetzten alle Hebel in Bewegung, um den Kaiser zur Herstellung des status quo ante zu veranlassen. Erst als ihr Gebühren in der Tagcspresse entsprechend gegeißelt wurde, ließen sie die Dinge mißmulhig ihren Gang gehen. Unter sich leben sie Tag für Tag in unablässiger Fehde; keine Stadt, keine Familie lebt in Frieden und Eintracht, besonders leben ihre Gekehrten und Rabbrnen in fortwährendem Hader, aber sie lassen von ihren Händeln nichts an die Oeffentlichkeit treten. Dadurch ist schon mancher Reisender, der die Krim besuchte, getäuscht worden. Bei aller Feigheit und Mattherzigkeit zeigen sie ein hartes Herz, Armen und Unglücklichen gegenüber, obwohl sie größtentheils reich sind. Zum Geben sind sie nun einmal nicht angelegt; es werden Fälle berichtet, wo sie verarmte, dem Hungertode preisgegebene Gemeindeangehörige verkommen ließen. — Welchen Edelmuth erst Ausländer oder gar Juden da zu erwarten haben dürfen, kann man sich leicht vorstellen. Als lobenswerthe Eigenschaft ist die hohe Verehrung hervorzuheben, welche die Karäer ihren Eltern entgegen bringen. Selbst ein bejahrter Mann erdreistet sich nicht in Gegenwart seines Vaters zu rauchen. Bei seinem Eintreten erhebt sich der Sohn wie vor einem Fürsten. Auch ihre Gelehrten bringen biederen Greisen diese Ehrerbietung entgegen. — Wenn die Knaben an Sabbat oder Festtag den Rabbiner oder ihre Eltern besuchen, so küssen sie deren Hände. Als sicherer Beleg dafür, wie alt schon die Zänkereien unter den Karäern sind, können ihre Familiennamen gelten: Hühnersteiß, Hundskops, Faullenzer, Dickbauch und ähnliche Epitheta bekunden die Unsitte sich Spitznamen beizulegen, die dann im Laufe der Zeit Familiennamen geworden sind.