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Der Israelit · 1879-03-05 · Heft 10 (5.3.1879) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 10 (5.3.1879)
Date
1879-03-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XX. Jahrgang. Erste Beilage;u tlt. 10 des Israelit. Leitender Artikel. Die Israeliten in der Krim. Y. Thora-Gelehrte gibt es nur sehr wenig unter den Karäern; daß aber Jemand gar sein ganzes Leben der Thora und der Gesetzeskunde widmete, wie dies vielfach bei uns der Fall ist, das kommt bei ihnen nirgends vor. Die Karäer, welche auch in ihrem äußeren Auftreten ihre asiatische Heimath nicht verläugnen, halten noch an ihren religiösen Satzungen fest. Diejenigen dagegen, welche sich mit Eclat als „Aufgeklärte" und „Europäer" ausgeben, haben bereits das Wenige vergessen, welches sie von der Thora Israels durch ihre Väter überkommen haben. Der Name „Jude" iZuphut) oder „Karaite" ist ihnen in der Seele zuwider, spottend ve.üben sie die gottverhaßtesten Gräuel, und wechseln ohne viele Umstände ihren Glauben. Einer ihrer größten Gelehrten bezeugt es, daß irgend ein richterlicher Beamte einen Karäer nur mit einer eintägigen Gefängnißstrafe zu bedrohen braucht, um ihn zum Religionswechsel zu veranlassen. Das rührt nach der Meinung desselben Gelehrten daher, daß die Karäer zu jeder Zeit ruhig und sorglos leben konnten und keine Verfolgungen zu erleiden hatten, wie sie den rabbanitischen Juden beschieden waren. Es geht ihnen die Leidensschule ab, die den Juden auf der ganzen Erde für sein Judenthum erzog und es ihm zum unverlierbaren Eigenthum machte. Daher kommt die ungewöhnliche große Zahl von Apostaten unter den Karäern im Vergleich zu dem rabbinischen Juden. Der Aberglaube ist bei den Karäern in der großen Masse, über alle Maaßen verbreitet. Wunderbar ist dabei, wie sie den islamitischen Heiligen noch mehr Glauben schenken, als ihren eigenen. Viele bringen ihre Kranken zu den Tataren, um sie heilen zu lassen. Besonders aber spielt der Glaube an Zauberei und böse Geister eine große Rolle bei ihnen. Die Karäer unter sich bedienen sich bei allen Anlässen der tatarischen Sprache und Schrift. Daß ein Karäer sich der hebräischen Sprache bedienen sollte, kommt niemals vor, wenn er nicht einmal in dringenden Fällen mit einem Juden correspondirt. Auch die Beschlüsse des großen Beth-Din schreiben sie in tatarischer Sprache nieder. Ob sie dies thun, weil sie die heilige Sprache nicht für gewöhnliche Zwecke benutzen wollen, oder weil sie ihnen zu ungeläufig ist, bleibt unentschieden. Charaktereigenthümlichkeiten der Karäer. Im Allgemeinen sind die Karäer wie alle asiatischen Völker nicht ehrgeizig oder ruhmsüchtig, d. h. Diejenigen, welche von der modernen Cultur noch nicht beleckt sind. Die Wenigen dagegen, welche einen Anflug jener Schein-Civilisation haben, Haschen nach Ehre und Ansehen. Wir haben schon oben die hierhergehörige Art und Weise, wie sie zur Thora ausrufen, erwähnt. In derselben Weise sind auch die Titulaturen, die sie sich in ihren Briefen gegenseitig beilegen. Die Karäer im Allgemeinen hassen die Rabbaniten mit erbittertem Hasse, bis auf den heutigen Tag. Sie freuen sich nicht nur heimlich, über judenfeindliche Schriften, sondern sie betreiben mit aller Energie deren Colportage. Man könnte, wenn man bei den karaitischen Gelehrten Haussuchung vornehmen wollte, Hunderte von Exemplaren derartiger Schriften finden. Während sie ein wissenschaftliches Buch nicht in die Hand nehmen, kaufen sie mit einer wahren Gier solche Schriften, welche sich's zur Aufgabe machen, Schattenseiten des jüdischen Volkes aufzusuchen. Spricht ein Karäer mit einem Rabbaniten, so gibt er sich äußerlich den Anschein einer freundschaftlichen Gesinnung. Hat aber der Rabbanite kaum den Rücken gewendet, so spottet man seiner in der ausgelassensten Weise. Diese liebenswürdige Gepflogenheit beobachten die Karäer übrigens auch ihresgleichen gegenüber. Es geht ihnen eben jede Zuverlässigkeit eines festen Charakters ab, woraus auch ihre Uneinigkeit und Gehässigkeit sich erklärt. Die Unsitte des Lügens ist überhaupt in wunderbarer Weise bei ihnen verbreitet, bei der großen Masse sowohl, als bei den Gelehrten; ja bei den letzteren in noch höherem Grade. Doch soll auch nicht das Vorhandensein von redlichen

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