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Der Israelit · 1879-02-26 · Heft 9 (26.2.1879) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 9 (26.2.1879)
Date
1879-02-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
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225 Wo war das Kind? — warum kam es nicht heim? Draußen tobte der Sturm, in dichten Flocken fiel der Schnee — unwillkürlich mußte Bertha jener Nacht gedenken, in der ihr Gatte sie verlassen. „Jakobine! Jakobine!" — sie rief es in die Nacht hinaus, doch Niemand antwortete ihrer Stimme. — Es duldete sie nicht länger in dem einsameu Stübchen; sie eilte hinaus in die dunkle stürmische Nacht — von Haus zu Haus, bei allen Freunden und Bekannten forschte sie nach ihrem Kinde — Niemand hatte es gesehen. Mehrere ihrer Bekannten hatten sich ihr angeschlossen, mit ihr vereint die Vermißte zu suchen — doch umsonst. Mitternacht war längst vorüber und von Jakobine noch immer keine Kunde. Da erfaßte wilde Verzweiflung das Herz der unglücklichen Mutter; ihre Freunde wagten es nicht, sie in dieser Nacht allein zu lassen. Bald rannte sie händeringend in dem matt erhellten Stübchen auf und nieder, bald durchstöberte sie mit einer Laterne alle Räume und Winkel des Hauses, vom Boden bis zum Keller — Alles umsonst. Als der Morgen graute, ließ sie sich nicht länger halten, nochmals wiederholte sie ihre Nachforschungen in allen ihr bekannten Häusern; dann eilte sie zur Polizei, auch diese zum Nachforschen zu veranlassen. Sollte das Kind in Folge ihrer Strenge, ihrer Härte vielleicht zum Onkel geflüchtet sein? Kaum war dieser Gedanke ihr gekommen, als sie sich unverzüglich auf den Weg machte. Vergebliche Hoffnung! Benjamin hatte seine Nichte seit Monden nicht gesehen. Wenden wir uns indessen zu dem leichtsinnigen Flüchtling. In ihren Wochentagskleidern, von dem dünnen, schäbigen Tuch, das sie um Kopf und Schultern geschlungen. nur nothdürftig gegen die Kälte geschützt, hatte Jakobine die Wohnung ihrer Mutter verlassen und den Weg nach Neudorf eingefchlagen. In ihrer Erregung hatte sie ihre Schritte beschleunigt, und fast athemloS erreichte sie das Pfarrhaus. Der Geistliche hatte sie erwartet, freundlich bewillkommnete er sie und führte sie unverzüglich in sein Arbeitszimmer — in dem WohMimmer, dessen Fenster der Straße zu lagen, wollte er sie heute nicht empfangen. In dem Cabinei aber war er recht traulich, im Ofen praffelte ein Helle- Feuer und die dampfende Chokolade und das süß duftende Backwerk auf dem zierlich gedeckten Tischchen schienen die kleine Näscherin schon erwartet zu haben. „Sei mir willkommen im Namen des Herrn mein liebes Kind! Komm' und lege Dein Tüchelchen ab, auf daß die Wärme besser zu Dir dringe, Du bist ja schon wieder halb erfroren." Jakobine zog die Hand des freundlichen Mannes an ihre Lippen; dann folgte sie seiner Aufforderung, während ihre Blicke sich fast unwillkürlich dem Tischchen zuwandten. „Ja, ja, ja", lachte der Pfarrer, „das steht schon für Dich da, das hat die treue Beate für mein kleines Mäuschen zubereitet. Komm', setze Dich und greife zu." Jakobine ließ sich nicht lange bitten, bald saß sie dem Pfarrer gegenüber und schlürfte mit innigem Wohlbehagen den süßen würzigen Trank. Mit freundlichem Lächeln sah der Geistliche ihr zu. Die Jalousien am Fenster waren geschlossen; dem Geistlichen schien daran gelegen, daß daS junge Mädchen heute nicht bei ihm gesehen werde. „Nun, mein liebes Kind", begann er endlich, als sie den ersten Hunger befriedigt zu haben schien, „warum hast Du Dich denn in dieser ganzen Woche nicht ein Mal bei mir sehen lassen? und wie ist es Dir denn in dieser langen Zeit ergangen?" »Ach, gar nicht gut", erwiederte Jakobine seufzend. „Nicht gut?" wiederholte der Pfarrer, daS Haupt bedächtig wiegend, „das bekümmert mich, mein liebes Kind — das bekümmert mich ernstlich. Aber warum ist es Dir denn nicht gut gegangen, mein Kind? ist Mütterchen vielleicht krank gewesen?" „Ach nein", entgegnete Jakobine, „krank war die Mutter nicht, sie war nur müde und hat deßhalb nicht arbeiten können und dann ist sie immer so verdrießlich — so verdrießlich — und dann—" Der Geistliche nickte verständnißinnig mit dem Haupte, dann zuckte er die Achseln. „Es ist halt so, wie ich gesagt habe, Kind, es ist für die schwache Frau zu viel, zwei Menschen durch ihre Arbeit ernähren zu müssen. — Du weißt, liebes Kind, wir haben schon neulich darüber gesprochen, und ich habe Dir schon neulich meine Ansicht darüber gesagt. Und die gute Gräfin, von der ich Dir erzählt habe, hat mich gestern gefragt, wann ich Dich denn zu ihr führen würde. Ich habe ihr gesagt, ich hoffte recht bald. Was meinst denn Du?" DaS Mädchen war glühend roth geworden. Sie war zwar mit der Absicht gekommen, auf seinen Vorschlag einzugehen; doch als sie nun ihren Entschluß aussprechen sollte, da schien ihr abermals der Muth zu versagen. Der Geistliche betrachtete sie mit lauernden

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