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Der Israelit · 1879-02-26 · Heft 9 (26.2.1879) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 9 (26.2.1879)
Date
1879-02-26
Page
– (sequence 12)
Language
German
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224 erklären begann, wurde der gerade im Beichtstuhl befindliche Vikar Prinz Edmund Radziwill aufmerksam gemacht. Von dem fürstlichen Vikar über die Herkunft des KindeS befragt, gab die Frau über Alles Auskunft und erklärte, daß sie daS Mädchen gegen den Willen seiner Eltern in Oesterreich taufen lassen wolle. Prinz Edmund Radziwill erklärte sofort, daß er zu einem solchen strafwürdigen Schritte seine Zustimmung nicht geben könne und daß es feine Pflicht fei, die Sache der Behörde anzuzeigen, was denn auch geschah. Der Kreislandrath Herr Mayer ordnete nun an, daß die Frau mit dem Kinde sofort über die Grenze nach Kalisch zurückkehren und von dort eine Bescheinizvng übersenden solle, daß das Kind wieder richtig an seine Eltern übergeben worden sei. Auf Betreiben des Prinzen Radziwill unternahm es der Schornfteinfegerweister Herr Adamek, die Frau sammt dem' Kinde nach Kalisch zurückzubringen, wo er jedoch in Folge eines Mißverständnisses Anfangs von Seiten der dortigen Israeliten mehrfache Insulten erdulden mußte, da man ihn für den Anstifter der Entführung hielt. Die Sache klärte sich jedoch auf und Herr Adamek konnte ohne weitere Unannehmlichkeiten nach Ostrowo zurückkehren. Die Frau dagegen, welche das Kind nach Ostrowo gebracht hatte, ist in Kalisch gefänglich eingezogen, gegen die Familie des Beamten SzajkowSki ist eine strenge gerichtliche Untersuchung eingeleitet und auch der Pfarrer an der Bernhardinerkirche in Kalisch, KsieSki, bereits in Verhör genommen worden, da er im Verdachte steht, bei dem Stückchen betheiligt gewesen zu sein, um der alleinseligmachenden Kirche ein neues Mitglied zuzuführen. Das Verhalten des Vikars Prinzen Radziwill, dem die Vereitelung der ganzen zelotischen EntführungSgeschichte zu danken ist, verdient jedenfalls alle Anerkennung. Feuilleton. Jakobine. Ein Lebensbild. Von Ariedrich Hlott. IX. Die Mutter gerietst fast in Verzweiflung; was war mit dem Mädchen vorgegangen? während der ganzen vorigen Woche so willig und gewandt und nun mit einem Mal so störrig und zerstreut. Wiederholt sah sie sich veranlaßt, ihr eine fühlbare Mahnung zu ertheilen, die brachte daS Mädchen allerdings wohl momentan aus ihren Träumereien; einen wirklichen Erfolg hatte sie jedoch nicht. Kaum waren die Thränen versiegt, die der momentane Schmerz ihr entlockt, so kauerte sie schon wieder träumerisch vor dem Ofen und starrte in die Gluth und ließ achtlos die Milch auf der Platte überkochen und dachte nicht daran, sie zu entfernen, bis das Zimmer mit unerträglichem Dunst sich füllte. So verging der erste Tag der Woche und der zweite und dritte, und alle folgenden glichen ihm nur allzusehr. Mochte die Mutter bitten oder mahnen, drohen oder strafen, Jrkobine blieb träumerisch und zerstreut. Der Sabbat nahte; noch war Jakobine zu keinem Entschlüsse gelangt. Doch ihre gegewärtigen Verhältnisse erschienen ihr mit jedem Tage mehr unerträglich. Für den Sabbatnachmittag hatte sie ihrem neuen Freunde abermals einen Besuch in Aussicht gestellt. Doch die Mutter hatte, um sie für ihr ungeziemendes Gebühren während der verflossenen Woche zu strafen, ihr die Sabbatkleider und auch den neuen Shawl für heute entzogen. War das vielleicht die Ursache, daß das leichtsinnige Mädchen des Werkverbotes des sabbatS heute durchaus nicht zu gedenken schien? Bertha kam auS dem Aerger heute nicht heraus und empfand es geradezu als Erleichterung, als Jakobine bei Tische erklärte, daß sie trotz der ihr vorenthaltenen Sabbatkleider auf ihren Spaziergang nicht verzichten werde. Und auf die Frage der Mutter, wohin sie gehen wolle, erwiederte sie, daß sie sich einen Weg suchen werde, auf dem sie, wo möglich, von keinem ihrer Bekannten gesehen werde. Und die kurzsichtige Mutter ließ sie ruhig gehen. Der kurze Decembertag ging rasch zur Neige, eS dunkelte zeitig; Jakobine war noch nicht daheim. — Wo mochte sie so lange weilen? Die Mutter ward ungeduldig, trotz der rauhen, scharfen Luft lehnte sie weit hinaus, aus dem geöffneten Fenster nach ihrem Kinde auSzufpähen. Die Nacht war vollends hereingebrochen, Bertha hatte bereits Licht und Feuer angezündet und von Jakobine noch immer keine Spur. Noch war sie nicht gradezu beunruhigt, noch glaubte sie in der sich verlängernden Abwesenheit des Mädchens nur eine neue Ungezogenheit zu erblicken. Doch Stunde um Stunde verstrich, Jakobine kam noch immer nicht. — Da wich allmählich der Aerger aus dem Mutterherzen und bange, schwere Sorge erfüllte es, namenlose Angst.

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