Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1879)
- Date
- 1879-02-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Erste Seilage tu Ar. 9 des Zsraelit. Leitende» Artikel Iie Zsraeüten in der Krim. IV. Die Karäer find für weniges Geld bereit, Religion und Gesetz zu verkaufen. Ihr Glaube beruht eben aus so nichtiger, hinfälliger Grundlage, daß die Menge keine innere Liebe für sein Gesetz empfinden kann. Ueber das Gebetbuch hinaus reicht größtentheils ihr Wissen nicht und selbst dieses ist vielen wie mit sieben Siegeln verschlossen, denn es geht ihnen jeder wissenschaftliche Ehrgeiz ab. Ihre Rabbinen gehen im Volke vollständig auf, und die große Masse betrachtet und behandelt sie daher wie Einen ihresgleichen. Nach einer mündlichen Mittheilung des R. Jizchak SultanSki war bei den Karäern noch vor 100 Jahren der Rabbiner zugleich Synagogen- und Gemeindediener. Wenn ein Gemeindemitglied etwas zu besorgen hatte, blickte man nach dem Rabbiner wie nach einem Dienstmann. Hatte Jemand Einladungen bei freudigen oder traurigen Anlässen zu machen, so geschah dieses durch den Rabbiner. Ein Benjamin Aga sei es gewesen, der diesem Mißbrauch entgegen getreten sei und ihn auch abgeschafft habe, sonst könnte man heute noch die schimpfliche Erniedrigung der Rabbiner zu Gemeindedienern constatiren. Dieser Mißbrauch wird übrigens in karäischen Schriften selbst als solcher erwähnt und bitter gegeißelt. Seitdem eS Karäer gibt, hat eS auch religiöse Streitigkeiten unter ihnen gegeben und das hat bis auf den heutigen Tag nicht aufgehört; was der Eine für rein erklärt, erklärt der Andere für unrein. Kurz nach dem Erstehen des Karäismus kam ein karäischer Gelehrter Nissi den Noach nach Jerusalem und fand dort verschiedene von den heimischen Gebräuchen abweichende Observanzen vor. Er bekannte demzufolge, daß er bis auf diesen Tag der Thora und Mizwah nicht in der richtigen Weise gerecht geworden sei und gründete eine neue Secte. Da Nissi auf diese Weise den Lehren Anans vielfach entgegen handelte, so betrachtete man ihn als einen abtrünnigen Verführer, den man > bekämpfte und auf's Aeußerste verfolgte. Aber mit der Zeit nahmen die Karäer viele seiner Ansichten an. wie z. B. die Erschwerungen in der Handhabung der Gesetze über Reinheit und Unreinheit. So wurde der ursprüngliche Verführer ihr Gesetzgeber. So haben die Karäer, die im heiligen Lande und in Aegypten wohnen, bei den Samaritanern gesehen, daß sie keine Lichter für Freitag Abend anzünden. Die Samaritaner haben nämlich das Schriftwort (Exodus 35, 3): „Ihr sollt kein Feuer anzünden in eueren Wohnung-n" (wa nyan ab) dahin gefälscht: „Ihr sollt keine Feuer brennen lassen in eueren Wohnungen" (tc\x n’jnn nv). Die Karäer in den erwähnten Ländern sitzen daher am Sabbat im Finstern, während die Karäer in Rußland sich nicht an diese Erschwerung kehren. Ein besonders hitziger, noch heute in seiner ganzen Schärfe bestehender Streit ist wegen der Festsetzung des Neumondes ttmrn ttn-pp bei ihnen entbrannt. Die Einen reden der Feststellung deS Neumondes nach astronomischer Berechnung daS Wort, während die Anderen den neuen Monat erst dann beginnen, wenn der Mond dem menschlichen Auge sichtbar geworden ist. — Die heillose Confusion, die sich aus diesen Differenzen ergibt, schildert der bereits früher erwähnte R. Mordechai SultanSki in feinem Werke Jalkut Joseph mit folgenden Worten: Betreffs der Festsetzung des Neumondes herrscht große Verwirrung und Zwietracht seit jeher unter uns. Wir sind dadurch längst schon in den Augen aller Welt zum Gelächter und Gespötte geworden, aber seinen Höhepunkt hat dies im Jahre 5601 erreicht. In diesem Jahre haben nämlich einige Gemeinden Roschhaschonoh am Sonntag und andere am Montag abgehalten. Als man jedoch von dem diesbezüglichen Beschluß des großen Beth Diu Kenntniß erhalten hatte, setzten alle einmüthig den Jom Kippur auf einen und denselben Tag, nämlich auf Dienstag fest. Nichtsdestoweniger war es nicht zu vermeiden, daß diejenigen, welche auf der Reise waren und daher von dieser Vereinbarung nichts wußten, am Dienstag, also an dem nun festgesetzten Jom Kippur, erst nach Hause kamen in dem guten Glauben, es sei heute erst Erew Jom Kippur, da sie Roschhaschonoh am Montag gefeiert hatten. Dies zog uns das Gespötte aller derer zu, die da-