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Der Israelit · 1879-02-19 · Heft 8 (19.2.1879) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 8 (19.2.1879)
Date
1879-02-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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201 Chokolade und wie süß und mürbe sein Backwerk. Und wenn sie alle Tage derartiges haben sollte, nur zum Frühstück, zu Mittag noch weit Besseres — und wenn sie nie mehr geschlagen, ja nicht einmal mehr gezankt werden sollte und kein Geschirr zu spülen brauchte und keine Zimmer auszukehren! Und schöne Kleider sollte sie tragen, an Wochentagen schönere als ihre Sabbatkleider! O, wie daZ Herz ihr pochte! — Denn die Dame, die nach einem schönen kleinen Mädchen sich sehnte, war eine vornehme reiche Dame, die das kleine Mädchen hegen und pflegen wollte, als wäre es ihr eigenes Kind. Und unterrichten wollte sie eS lassen von großen, gescheidten Lehrern aus schönen neuen Büchern, damit das kleine Mädchen eine große, gescheidte Dame werde und sich viel Geld verdienen könne. O, wie die Mutter sich dann freuen würde. Bis dahin dürfte sie freilich nichts davon erfahren; heimlich müßte Jakobine sie verlassen, denn die Mutter war ja oft gar so sonderbar, versagte dem Kind oft die unschuldigsten Freuden; wie leicht war es da nicht möglich, daß sie aus Unverstand und übler Laune des Kindes Glück von sich stoßen werde. Nein, wissen durfte sie vorläufig nichts und wenn sie sich auch noch so sehr darüber ärgern würde — das war nun einmal nicht zu ändern. — Aber wenn Jakobine dann nach fünf oder sechs Jahren zu ihr zurückkehren würde, als große gebildete Dame, die viel Geld verdient — hei, würde daS eine Freude sein! wie würde die Mutier sie dann herzen! — Und wie sie dann für die Mutter würde sorgen können. — Gar nichts mehr sollte die Mutter thun, nicht nähen und auch sonst nichts arbeiten. Jakobine würde ihr ein freundliches Stübchen miethen, ein Wohnzimmer mit einem Schlafkabinet daneben und eine Extraküche und eine Köchin dazu. Und die Mutter müsse auch alle Morgen Chokolade trinken und alle Jahr würde Jakobine sie besuchen. Und die Mutter würde dann gar nie mehr verdrießlich sein und würde sie auch nie mehr zanken. Wie würde das Alles so schön sein! — Warum war sie nicht gleich darauf eingegangen? — sie konnte es kaum begreifen. Aber freilich, der freundliche Geistliche hatte ihr beigestimmt, daß sie sich nicht übereilen möge, daß sie vorher Alles reiflich überlegen solle. Denn überreden wollte er sie nicht, nein, um keinen Preis. Er wollte ihr nur sagen, was er für recht und gut für sie halte, aber beschließen müßte sie selbst. Darum lag sie jetzt schlaflos in ihrem Bette — was sollte sie thun? Es war eben doch keine so leichte Sache, die Mutter heimlich zu verlassen und Jahre hindurch nicht zu ihr zurückzukehren. Ob es der Mutter wohl sehr leid sein würde, sie nicht mehr um sich zu sehen? — Aergern würde sie sich fürchterlich, das stand fest. — Aber dann nachher dafür die große, große Freude. Und sie ärgerte sich doch auch jetzt so häufig. Und darin hatte der freundliche Pfarrer doch auch recht, so viele und so unangenehme und ihrem Alter noch gar nicht angemessene Arbeiten Jakobine jetzt auch zu verrichten hatte, so war sie ihrer Mutter dadurch doch noch keine Stütze — im Gegentheil, sie war ihr weit eher eine Lest. Die Mutter mußte angestrengt arbeiten, um sie zu ernähren und zu kleiden; würde sie fort sein, sie brauchte kaum halb so viel zu arbeiten. Die Mutter bedurfte ja weit weniger als sie, hatte fast nie Appetit und brauchte fast nie ein neues Kleid. — Der Geistliche hatte recht, in Allem recht. — Als Wohlthat müsse die Mutter ihre Entfernung empfinden — würde vielleicht dadurch wieder gesunden. Denn es war zu viel für eine schwache, kränkliche Frau, zwei Menschen durch ihrer Hände Arbeit zu ernähren. Warum zögerte Jakobine trotzdem, einen Entschluß zu fassen? — Vielleicht weil der Pfarrer gesagt hatte, daß die vornehme Dame eine Gräfin sei und Gräfinnen doch gewöhnlich Christinnen sind? Ach, das hätte eigentlich nicht viel zu sagen; die Mutter sollte davon nichts erfahren und dann könnte sie sich doch auch nicht darüber ärgern. Sie war so gewöhnt, alle religiösen Observanzen nur deßhalb zu beobachten. weil die Mutter sie sonst strafen würde, daß sie an das Unrecht, das sie durch Unterlassung jener Observanzen auf sich laden würde, wohl noch nie gedacht hatte. Und dennoch konnte sie in dieser Nacht zu keinem Entschlüsse gelangen. Aber die Sache eilte auch nicht. Der Geistliche hatte ihr zwar gesagt, je früher sie zu ihm kommen werde, desto freudiger werde er sie empfangen; stets werde sein Haus ihr offen stehen, denn das Haus jedes wahren christlichen Seelsorgers wäre eine Zufluchtstätte für Armuth und Elend, für Noth und Bedrangniß. Wie innig hatte er sie bemitleidet, wie aufrichtig ihr seine Theilnahme gezeigt. Und dennoch zögerte sie? Sie ärgerte sich über sich selbst, nannte ihr Zögern Mangel an Muth. — Sie irrte; Feigheit hatte nie zu ihren Fehlern gehört; das, was sie

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