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Der Israelit · 1879-02-19 · Heft 8 (19.2.1879) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 8 (19.2.1879)
Date
1879-02-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
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200 lich und was für ein freundlicher lieber Mann war der Pfarrer und die Beate mußte die Küche auch weit besser verstehen als ihre Mutter. — Und waS mochte das wohl für ein Vorschlag sein, den er ihr zu machen beabsichtigte und der ihr so gut gefallen sollte? — Sie berechnete, wie lange es bis zum Sabbatnachmittag, bis zu ihrem nächsten Besuch bei ihm wohl dauern werde — denn daß die Mutter ihr keinen Querstrich machen werde, dafür wollte sie schon sorgen. Die ganze Woche wollte sie fleißig und aufmerksam sein und jede Ungeschicklichkeit, wo möglich, vermeiden, damit es der Mutter nicht einfallen könne, ihr den Sabbat-Spaziergang zu verbieten. Bertha harrte inzwischen voll Ungeduld und Besorgniß der Heimkunft ihres Kindes. Sie hatte sich bittere Vorwürfe gemacht, daß sie so hart gegen dasselbe gewesen und sich vorgenommen, eS recht freundlich und liebevoll zu begrüßen. Aber Jakobine zögerte allzulange; ohne Scheltworte konnte sie sie doch nicht empfangen, und hätte nicht das geschwollene Auge sie angeklagt, es wäre wohl schwerlich bei den Borwürfen allein geblieben. Aber das Auge — das Auge — wie es das schöne Kind entstellte — sie mußte es beständig anschauen — und je mehr sie darauf blickte, desto mehr ärgerte sie sich über sich selbst, und ließ wie gewöhnlich ihren Aerger ihre Umgebung, d. h. ihre Tochter entgelten. Jakobine strebte in diesen Tagen in Wirklichkeit ihre Mutter zu befriedigen; umsonst, es wollte ihr nicht gelingen. Wenn sie das Auge sah, um das alle Farben des Regenbogens sich spiegelten, dann vermochte Bertha nicht ruhig zu bleiben, und wenn sie nicht ruhig war, kam auch kein freundliches Wort über ihre Lippen. Jakobinens Anstrengungen blieben unbelohnt, doch ihre Fahrlässigkeiten auch seltsamerweise unbestraft. Trotzdem sehnte sie den Sabbatnachmittag herbei; sie sehnte sich nach den freundlichen Worten des Pfarrers, nach seiner süßen Chokolade und den frischen Bretzeln und auch nach dem Vorschläge, den er ihr zu machen versprochen. t So kam denn endlich der Sabbat heran. Jakobine hatte sorgfältig Toilette gemacht. Längst vor der gewöhnlichen Mittagsmahlzeit klagte sie über unerträglichen Hunger und bat, zeitiger den Tisch decken zu dürfen. Und als ihr Manöver den gewünschten Erfolg hatte, und sie um eine halbe Stunde früher als sonst die Speisen auftragen durfte, da war sie vor prickelnder Ungeduld kaum im Stande, davon zu genießen. Kopfschüttelnd beobachtete die Mutter ihr seltsames Gebühren. „Was hast Du denn heute? erst drängst Du zum Speisen und dann lässest Du Alles stehen?" Jakobine erröthete. „Es ist so dumpf hier im Zimmer, gleich nach Tisch geh' ich in's Freie." „Thue das"; stimmte die Mutter bei, die die sichtliche Erregung des Mädchens einem körperlichen Unbehagen zuschrieb, „wenn nicht so rauhe Luft wäre, würde ich mit Dir gehen; aber mir ist's heute zu kalt. Frage die Rosa, sie wird gerne mit Dir gehen." „Ach, mir liegt nichts an Gesellschaft; wenn ich nur in's Freie komme, bin ich eben so gern allein." Und damit räumte sie die Teller vom Tische, brachte hastig das Stübchen wieder in Ordnung, ordnete vor dem kleinen gespaltenen Spiegel nochmals die goldig-fchimmernden Haare, nahm dann den neuen Shawl aus dem Schubfach, den sie sich im Laufe der Woche von der Mutter erbettelt hatte und hüllte sich sorgfältig darin ein. „Ah, das ist's", murmelte die Mutter lächelnd, „sie muß den neuen Shawl spazieren führen. Wohin geht's denn?" Jakobine wandte sich hastig ab; trotz ihrer mannigfachen Fehler hatte sie wissentlich noch nie eine Unwahrheit gesprochen, auch jetzt kam keine wirkliche über Lippen. „Auf den Neudorfer Weg" erwiederte sie ausweichend, während glühende Röthe ihr Antlitz überzog. „Auf den Neudorfer Weg? warum denn grade dahin? gieb nur Acht, daß Deinem neuen Tuch nichts geschieht." „£), darum brauchst Du nicht zu sorgen. Adieu Mutter!" und fort rannte sie. „Armes Ding", flüsterte Bertha, „sie hat so wenig Freuden, daß der neue Shawl sie ganz aus der Fassung bringt. Aber sie hat ihn verdient diese Woche, sie war weit braver als sonst. Wenn's nur so bliebe —" Aber es blieb nicht so. Als Jakobine am Abend heim kam, lag ein sinnender Ernst in ihren Zügen, der einem aufmerksamen Beobachter wohl hätte auffallen müssen. Sie antwortete zerstreut auf die Fragen der Mutter und gab dieser wiederholt Anlaß zur Unzufriedenheit. Bertha hielt sie für schläfrig und sie schickte zeitig in's Bett; das Mädchen schloß auch die Augen, um der Mutter Aufmerksamkeit nicht zu erregen, aber während des größten Theils der Nacht lag es schlaflos da. Die heutige Unterredung mit dem Geistlichen hatte sie mächtig erregt; noch immer glaubte sie seine Worte zu vernehmen, seine reizenden verlockenden Worte. Er meinte es gut mit ihr, daran konnte sie nicht zweifeln. Wie ausgezeichnet war nicht seine

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