Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1879)
- Date
- 1879-02-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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202 als solche betrachtete, war der Kampf ihres bessern Selbst gegen die Verlockung zum Abfall. Erst gegen Morgen schlummerte sie ein, und als die Mutter zur gewohnten Stunde sie weckte, da war sie noch so schlaftrunken, daß es ihr kaum möglich war, das Bett zu verlassen. Langsamerhob sie sich endlich, langsam legte sie ihre Kleider an und langsam und nachlässig machte sie sich an die ihr bestimmten Arbeiten. Mochte die Mutter mahnen und zanken so viel sie wollte, Jakobine achtete nicht darauf; sie hörte sie wohl kaum, träumerisch und zerstreut starrte sie iti’S Leere. (Fortsetzung folgt.) Iur Heschichte der Juden im belgischen Lande. Von Carl Brisch. (Schluß.) In der Abtei zu Deutz ertönte der ambrosianische Lobgesang. Die Juden daselbst stimmten zu gleicher Zeit, wie ein Augenzeuge berichtet, einen so verworrenen und lärmenden Freudengesang an, daß die Christen, die der hebräischen Musik ungewohnt, darüber fast betäubt wurden. Nach einigen Tagen war der Rhein wieder in sein Bett zurückgekehrt. Die Flüchtlinge konnten ihre Wohnungen, soweit diese stehen geblieben, wieder aufsuchen. Aber anstatt der Hausgeräthe fanden sie darin Eisschollen und die Aase umgekommener Thiere. Ein Pferd, welches sich während der hohen Fluth auf das Haus eines Israeliten in Deutz gerettet hatte, blieb in den Sparren des Daches hängen und verendete daselbst. Man hat es später nicht ohne Gefahr, mit ihm das schwache Haus niederzureißen, herunter holen müssen. — Aus Bonn und andern Orten kamen Lebensmittel, Kleidungsstücke und Geld für die Gemeinde an, und der Chronist versichert, daß noch nie ein so glücklicher Purimtag in Deutz sei gefeiert worden, wie dieser. Bis auf eine Frau, die am ersten Unglückstage verschieden, hatten sie keine weiteren Verluste an Menschenleben erlitten. Späteren Geschlechtern zum Gedächtniß wurde dieses grausige Ereigniß von Augenzeugen in hebräischer Prosa und Poesie niedergeschrieben. R. Jacob Koppenhagen, ein Gelehrter und Schreiber, hat ein Büchelchen darüber verfaßt, welches 1785 in Amsterdam gedruckt wurde, und Abraham Koßmann, Sohn des obengenannten berühmten Joseph Koßmann aus Deutz es in einem geistreichen Gedichte, in alphabetischer Reihenfolge, verewigt*). Der damalige Landrabbiner Isaak Rappaport erließ Aufrufe an alle Gemeinden, von allen Seiten strömten reiche Beiträge zu und ehe zwei Jahre verflossen waren, wurde schon die neuerbaute Synagoge in Deutz eingeweiht, für (1.786 idw rattf □i"pn), zu welcher Feier Abr. Koßmann eine Hymne dichtete. — In Mülheim erstand auch bald durch die Opferfreudigkeit der Gemeinde ein neues Gotteshaus, das (1788 n"opn Nsn o 's) geweiht wurde. Voran wurde in feierlichem Zuge die Thorarolle getragen, welche am siebenten Peßachtage die Amsterdamer Gemeinde auf die Kunde des schrecklichen Ereignisses und Verlustes geschickt hatte. Zur Erinnerung daran wird diese Thora jetzt noch in jedem Jahre an dem genannten Tage zur Vorlesung benutzt. In der bürgerlichen Stellung der Juden hatte sich bis dahin noch wenig geändert. An allen Orten mußten sie noch den Leibzoll oder das Geleitgeld zahlen. Der letzte Einnehmer desselben war in Deutz Gottschalk Heimbach (starb 1820) und in Mülheim Juda Horn (starb 1826), der Vater des hier noch lebenden greisen Wolf Horn. In Cöln wurde noch zu Anfang der neunziger Jahre im vorigen Jahrhundert jeder Träger eines Bartes am Thore angehalten, weil man einen Juden dahinter witterte. Einem jungen Menschen (Christ) wurde noch 1795 seines jüdischklingenden Namens wegen der längere Aufenthalt in der Stadt verweigert; derselbe wurde auf Befehl des Senates mit Militäreskorte aus der Stadt gebracht. — Aber gleich nach dem Einrücken des französischen Heeres in Cöln wurden alle mittelalterlichen Bestimmungen gegen die Juden aufgehoben. Ohne Geleitbrief durften sie von nun an dort verkehren und seit der Einverleibung der Stadt in die französische Republik sich auch daselbst niederlassen. Und die Urenkel Derjenigen, die man schmählicherweise vor über vierhundert Jahren aus Cöln vertrieben, waren die Ersten, die sich daselbst wieder ansiedelten. Die erste Erlaubniß hierzu wurde am 16. März 1798 dem Joseph Isaak (später Stern genannt) aus Mülheim am Rhein ertheilt. Ihm folgten aus Mülheim und Deutz in wenigen Jahren viele Gemeindemitglieder. Die Schranken, welche die Juden von dem bürgerlichen Leben abschlossen, sind gefallen. In fast allen größeren Orten des bergischen Landes *) Bei späterer Gelegenheit hoffe ich dasselbe mit Uebersetzung zu bringen.