Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1879)
- Date
- 1879-02-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447797-2447806--15866-2471831- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
198 ren ihre Gelehrten: Die Frau, die von Gott einmal einem Manne bestimmt ist, soll ihm verbleiben, und eS ist daher verboten, eine Scheidung zwischen ihnen vorzunehmen. — Diese Ansicht ist einer mohamedanischen Secte entsprungen, der ^.odssab a1suuua.il Llluuitae, deren Anhänger glauben, daß alle menschlichen Thaten und Geschicke in einem „Schicksalsbuch" vor Gott verzeichnet sind, weßhalb eine Aenderung unzulässig sei. Nach dem Koran erben Töchter in derselben Weise wie Söhne, dasselbe ist bei den Karäern der Fall. Mohamed gab in Betreff der Kleidung beim Gebete besondere Vorschriften, die von den Karäern so stricte befolgt werden, daß sie sogar den Fremden, der in ihr Gotteshaus kommt, dazu nöthigen. Wie die Verbreitung und Kenntniß der arabischen^ Sprache islamitisches Religionsgesetz ist, so rechnen auch die Karäer die Kenntniß und die grammatische Ausbildung der Sprache unter ihre religiösen Fundamentalsätze. Die Mohamedaner legen ihre Todten im Grabe mit dem Kopfe nach Mekka d. i. nach Süden, ebenso verfahren die Karäer, nur, daß sie behaupten, sie hätten dabei die Richtung nach Jerusalem im Auge. Die Karäer enthielten sich in früheren Zeiten des Wein- und Fleischgenusses, weil sie denselben mit dem Glauben an die Seelenwanderung nicht vereinbar halten. Dieser Brauch entspricht der Lebensweise der Derwische unter den Mohamedanern. Ein karäischer Gelehrter — Rabbi Sahel Kohen — verbietet in seinen Schriften geradezu den Genuß von Rind - und Schaffleisch während des Exils. Eine gewisse karäische Secte (Q’D^snn ro) leugnet die Auferstehung der Todten, wie dies auch bei einigen mohamedanischen Secten der Fall ist. Die Karäer, die in jüdischen Gemeinden leben, bewahren in ihrer heiligen Thoralade fortwährend zwei Straußeneier auf; angeblich um damit ihr Herz während des Gebetes himmelwärts zu lenken!! Die Abgeschmacktheit dieser Begründung liegt auf der Hand. Es scheint dieser Brauch mit der Taube in Verbindung zu stehen, die Mohamed fortwährend an seinem Busen getragen haben soll. Die Sprache der Karäer in ihren alten Schriften ist nicht die hebräische. Für einen des Arabischen unkundigen Leser ist sie fast unverständlich, weil sie von arabischen Worten wimmelt und sie selbst den hebräischen Worten arabische Formen beigelegt haben. Die Vorliebe für diese Sprache ist mohamedanischen Ursprungs, denn das Arabische ist nach dem Koran.eine heilige Sprache. Die Karäerinnen gehen verschleiert und lassen sich überhaupt vor keinem Manne sehen, ganz so wie Mohamed es vorgeschrieben hat. Wie die Mohamedaner ziehen auch die Karäer, wenn sie zum Gebete herantreten, ihre Schuhe im Vorzimmer aus und fallen auf das Knie. Die Karäer bestimmen die Neumonde nach dem Sichtbarwerden des Mondes. Dieses Verfahren hat Anan ebenfalls den Mosleminen entlehnt, um bei den Kalifen beliebt zu werden.*) Selbst die Behauptung der Karäer, daß sie ausschließlich an Moscheh's niedergeschriebener Thora festhalten und nirgends und niemals eine Erläuterung derselben anerkennen wollen, selbst btefe Anschauung ist einer Secte des Islam entlehnt, welche den Koran buchstäblich nimmt und keinen Commentar zuläßt, obwohl Jeder, der den Koran lieft, einsieht, daß seine Worte ohne die gewöhnliche Erklärung (8unnab) geradezu unverständlich sind. Schließlich zerfallen die Karäer wie die Bekenner des Islam in Hunderte verschiedener Secten, so daß jede einzelne Familie bis auf den heutigen Tag ihre besonderen Gebräuche hat. Diese und viele andere Eigenthümlichkeiten der Karäer ergeben sich dem Forscher als dem Islam entnommen. Nun. gibt es aber noch Vieles, das sie geradezu wörtlich dem Koran entnommen, aber durch Hinweise auf die Thora derart verbrämt haben, daß die ursprüngliche Quelle schwieriger feftzustellen ist, als in den angeführten Beispielen. Von der Thora Israels aber haben sie nichts als die heilige Sprache, in der sie beten, und auch hierbei haben sie keine in hebräischer Sprache verfaßten Gebete, sondern sie recitiren nur aus dem Zusammenhang gerissene Bibelstellen, wie die Mohamedaner zusammengewürfelte Koranverse beten. Der Gebrauch der hebräischen Sprache beim Gebete ist aber noch kein Zeichen dafür, daß der Betende die Thora Israels anerkennt. Gibt es doch in En,stand sogar eine christliche Secte, welche hebräisch betet. Wenn nach alledem sich die Karäer dennoch rühmen, das mosaische Gesetz in seiner Reinheit zu bewahren. so dürfte das Mitgetheilte genügen, um diese Prätension genügend zu würdigen. Zu ihren eigenen Weisen haben die Karäer kein Vertrauen und so besteht ihre ganze Religion in eingelerntem Mischwerk. Daß ihre Gelehrten keine Autorität bei ihnen genießen, rührt einfach daher, daß man täglich sehen kann, wie ihr Chacham neue willkürliche Gesetzesbestimmungen trifft, und wie jeder einzelne Gelehrte in seiner Gemeinde *) Anm. der Red.: Dem Herrn Verfasser scheint entfallen zu sein, daß auch bei den Israeliten ursprünglich die Bestimmung der Monate nach dem Sichtbarwerden des Mondes stattfand.