Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1879)
- Date
- 1879-02-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Erste SeUage zu Nr. 8 des Israelit. Leitender Artikel. Z)ie Israeliten in der Krim. m. DaS religiöse Bekenntniß der Karäer. Fragt irgend Jemand die Karäer nach ihrer Religion, so antworten sie sofort: „Wir sind Juden", denn ihre Gelehrten haben es ihnen so eingeprägt, mehr wissen sie aber auch nicht. Fragt sie aber die Regierung, so antworten sie entweder gar Nichts, oder sie sagen geradezu, sie seien keine Juden. Charakteristisch ist folgende Begebenheit, die in der Krim allgemein bekannt ist. Als Kaiser Nicolaus I. in der Krim war, besuchte er auch die Synagoge zu (ynKBNBiij;). Die Karäer schmeichelten ihm nach ihrer Weise und fanden auch Gnade in seinen Augen. Nach der Abreise des Kaisers errichteten sie ihm im Synagogenhof eine Standsäule als Zeichen ihrer Verehrung. Sodann ließen sie durch eine Deputation in Petersburg anfragen, ob der Kaiser ihnen gestatte, sein Bildniß an der Säule anzubringen. Dies wurde ihnen unter der Bedingung bewilligt, daß sie auch ein silbernes Kreuz aufstellten, welches der Kaiser ihnen schenkte. Als die Karäer dies vernahmen, waren sie bestürzt und versuchten die kaiserliche Bestimmung rückgängig zu machen, indem sie das Bild des Kaisers ebenfalls nicht aufstellten. Andere dagegen erzählen, das Kreuz sei noch bis auf den heutigen Tag im Gewahrsam der Karäer. Auch in pLiv soll in früherer Zeit ein Kreuz in der karäischen Synagoge gesehen worden sein. Es handelt sich nur darum, festzustellen, welche von den zwei obigen Antworten der Wahrheit entspricht, oder ob gar beide unwahr sind. Thatsache ist, daß die Karäer keine eigene Religion und kein feststehendes Gesetz haben. Denn als zur Entstehungszeit des Karäismus Anon dem jüdischen Gesetze den Rücken kehrte, baute er seine neue Religion auf der mohamedanischen auf. Durch die lange Zeit, während welcher die Karäer unter den Muselmännern lebten, nahmen sie durch ihr schmeichlerisches Wesen nach und nach so viele mohamedanische Bräuche an, daß heute die Karäer nur noch einen Schatten des jüdischen Gesetzes haben; 90% ist islamitisch. Abgesehen von ihrer Kleidung, ihrer Sprache, ihrer Schriften und ihrer ganzen den Tartaren nachgeahmten Lebensweise, sprechen hierfür folgende dem Islam entnommene religiöse Bestimmungen. Die Karäer nehmen es mit der Verheirathung verbotener Verwandtschaftsgrade viel strenger als die Thora. Diese Erschwerung ist dem Islam entnommen, welcher seinen Anhängern Brüder- und Schwestertöchter zu heirathen verbietet. Bei den Karäern wie MoSlemen darf Niemand, der einen Tobten berührt hat, das Gotteshaus besuchen. Die Karäer legen ein großes Gewicht auf das Fasten, so daß ein Knabe, der das siebente Jahr erreicht hat, den ganzen Tag fasten muß, ohne daß eine Auslösung zulässig ist. Diese Erschwerung ist ebenfalls den Mohamedanern entlehnt, bei denen das Korangesetz Norm ist: „Der Geruch aus dem Munde eines Fastenden ist Gott angenehmer als der köstlichste Honig". Das Schächten der Thiere findet bei den Karäern statt, aber nicht die Untersuchung der etwaigen Fehler, welche den Genuß des Fleisches nach dem jüdischen Religionsgesetz verbieten. (Bedikah.) Es versteht sich von selbst, daß man diese Unterlassung vom karäischen Standpunkte aus nicht damit rechtfertigen kann, daß die Bedikah nicht deutlich in der Thora erwähnt ist. Das Schächten ist es ja ebensowenig. Die Inkonsequenz erklärt sich nur dadurch, daß auch die Mohamedaner ihre Thiere, ohne Bedikah vorzunehmen, schächten. Dieselben wenden beim Schächten ihr Antlitz südwärts der Alkiblah zu und sagen vorher: „Im Nimen des barmherzigen, erbarmungsvollen Gottes!" Die Karäer wenden sich bei ihrem Gebete ebenfalls nach Süden, und die heilige Lade steht bei ihnen genau nach der Richtung von Mekka. — Das Schächten kann übrigens Jeder bei ihnen vornehmen, ohne es vorher gelernt zu haben; daran stößt sich Niemand. Kommt ein Karäer zu dem Chacham seiner Gemeinde und verlangt von seiner Frau geschieden zu werden, so erreicht er nichts und wenn er es sich auch alles Geld kosten lassen wollte. Auf Befragen, warum sie auf diese Weise gegen eine ausdrückliche Bestimmung der Thora verstoßen, erklä-