Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1879)
- Date
- 1879-02-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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195 wer; der wenige Regen, der gefallen ist, hat die Erde nicht genügend befruchtet, viele der Landleute haben daher aus Furcht vor dem Verlust der Saatfrucht gar nicht ihre Aecker besäet und die es gethan, jammern um den geringen Erfolg ihrer Bemühung. Wiederum sind wir von einem schrecklichen Heüschreckenzug heimgesucht, Niemand erinnert sich, daß um diese Zeit diese Landplage so oft erschienen und so furchtbar gewesen; jetzt ist uns auch die letzte Hoffnung auf eine, wenn auch nur geringe Ernte geschwunden; der Preis des Weizens ist enorm gestiegen. Die Rabbinen und Gemeindevorsteher haben ein Gemeindefasten ’c'cni ’jcv veranstaltet. Wir befinden uns in einer furchtbaren und schrecklichen Lage, viel furchtbarer als in den letzten Jahren; denn durch die auf einander folgenden Hungerjahre sind unsere Kräfte erschöpft und die Krankheiten und Todesfälle mehren sich in erschreckender Weise. Erbarmt Euch Eurer Brüder in Jerusalem, die Euch um Hilfe anrufen, sendet ihnen bald genügende Unterstützung, bildet Comittz's zur Veranstaltung von Geldsammlungen, daß damit an Hafenorten des Mittelländischen Meeres Weizen zur Vertheilung an die hungrigen Armen gekauft werde. Erhöret die Stimmen Eurer Brüder, die für Euch die Hände zu Gott emporheben, daß Er Euch segne und Eurer Hände Werk gelingen lasse. Feuilleton. Kabbi Ioselmann von Kosheim. Eine historische Erzählung. XXXI. Als Pfefferkorn Einlaß beim Bürgermeister begehrte, wurde er nicht vorgelassen. Der Bürgermeister hatte Besuch; sein Vetter, der Advocat Sebastian Brand aus Straßburg, der berühmte Verfasser des Narrenschiffes, eines heute noch vielgepriesenen satyrischen Gedichtes, war angekommen und hatte eine geheime Unterredung mit dem Bürgermeister verlangt. Als die Beiden allein waren, sagte Herr Sebastian: „Vetter, ich bin extra von Straßburg hergekommen, um Euch zu warnen. Was macht Ihr für Streiche, Vetter? Wißt Ihr, daß Ihr Euch um Euren Kopf bringt? Und da es mir eben nicht angenehm ist, wenn die Kinder mit Fingern auf mich zeigen und rufen: seht, der Vetter dieses Mannes ist geköpft worden, so bin ich hergeeilt, um Euch zu warnen und Euch von ferneren dummen Streichen zurückzuhalten." „„Ihr meint die Affäre mit dem Juden?"" „Eben die! Was ist Euch eingefallen, Vetter, Euch an einem Manne zu vergreifen, der sich der höchsten Gunst des Kaisers erfreut, gegen ihn eine lächerliche Anklage zu schmieden? Wißt Ihr denn nicht, daß ein vom Kaiser ernannter Befehlshaber der Juden diesen so viele Steuern auflegen kann, als er nur immer will, daß ein solcher Mann, wenn er will, ein größeres Einkommen haben kann als irgend ein Fürst auf Erden? Und einen solchen Krösus beschuldigt Ihr der Wipperei? Wer wird Euch das glauben? Und Ihr wollt ihn hängen lassen! Wenn's der Kaiser erfährt, so gilt's Euren Kopf." „„Wenn's der Kaiser erfährt! Der Kaiser ist weit."" „Und meint Ihr nicht, daß die Juden bis ans Ende der Welt laufen würden, um den Kaiser zu benachrichtigen. Uebrigens ist der Kaiser nicht weit; er trifft dieser Tage in Freiburg ein, ist vielleicht schon dort." „„In Freiburg?"" „In Freiburg im Breisgau, wenige Tagereisen von hier." Der Bürgermeister erblaßte; jetzt lag allerdings die Gefahr nahe genug. „„Was ist da zu thun?"" stammelte er. „Ihr müßt allsogleich den Juden freigeben!" „„Damit er selbst zum Kaiser reise und mich verklage!"" „Dann wird's Euch wenigstens den Kopf nicht kosten." „„Aber mein Amt, und lieber will ich sterben als daß ich meines Amtes entsetzt werde. Uebrigens haben mir die Dominicaner versprochen, alle Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen."" „Die Dominicaner sitzen selbst in der Patsche; ihr Streit mit Reuchlin hat sie in Mißcredit gebracht bei aller Welt. Habt Ihr die Briefe der Dunkelmänner gelesen? Nicht? Köstlich, sage ich Euch, köstlich, die müßt Ihr lesen, Vetter!" ,,„O, geht mir mit den Briefen der Dunkelmänner, da mir das Messer an der Kehle sitzt! Gebt mir lieber einen Rath, was zu thun sei."" „Bittet den Juden, daß er Euch nicht beim Kaiser verklage." „„Das wird wenig nützen."" „Wenn Ihr ihm vielleicht eine Gegenleistung in Aussicht stellen könntet?" „„Worin sollte die bestehen?"" Es wurde an die Thüre gepocht. „Verzeiht, Herr Bürgermeister", rief der