Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1879)
- Date
- 1879-02-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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173 Sie schüttelte mit wachsender Verlegenheit das Haupt. „Nicht? Du hast Dich nicht gestoßen? aber warum antwortest Du nicht? warum willst Du es mir nicht sagen, was Dir an Deinem Auge geschehen ist; hast Du kein Zutrauen zu mir? Komm, sage mir, was Dir daran geschehen ist, dann kann ich Dir rathen, daß eS rasch wieder gut wird. Run? —" „Die Mutter hat mich geschlagen", stammelte das Kind, indem seine Augen sich mit Thränen füllten. In dem Angesicht des Geistlichen zuckte eS wie triumphirend, doch nur für einen Moment. „Geschlagen!" wiederholte er wie von Entsetzen ergriffen, „aber daS ist \<x schrecklich. WaS hattest Du denn verbrochen, um eine so harte Züchtigung zu verdienen? Nun? — sprich, wetzhalb hat Deine Mutter Dich so fürchterlich geschlagen? — So sprich doch — Du siehst, ich meine eS gut mit Dir. Also? —" „Ich habe ein Stückchen Fleisch in die Milchsuppe fallen lassen", flüsterte das Mädchen. „Nun? — darum hat Deine Mutter Dich doch nicht geschlagen?" „Doch, darum hat sie mich geschlagen. Sie hat ja die Suppe und das Fleisch fortwerfen müssen." „Entsetzlich! unerhört!" rief der Geistliche, die Hände zusammenschlagend, „armeS, armes Kind!" und er streichelte ihr liebkosend die thränenüberflutheten Wangen. „Da kann ich e Z mir freilich denken, daß Dir der Appetit vergangen ist, und ich sehe ein, daß ich Dich vorhin zu hart beurtheilt habe. Armes Kind, ich habe Mitleiden mit Dir und möchte Dir gern helfen. Komm', erzähle mir mehr von Deinem Leben zu Hause, wer weiß, vielleicht könnte ich Dir einen guten Rath geben. Aber zuvor mußt Du noch ein wenig Milch trinken oder vielleicht eine Taffe Chokolade? Beate! ist meine Chokolade fertig?" „Gleich, Herr Pfarrer, ich bringe sie schon." „Bringen Sie noch eine Taffe für das gute Kind hier." „Ich weiß nicht", sprach Jakobine leise, mit lüsternen Blicken die dampfende Chokolade betrachtend, „aber wenn die Mutter eS erfährt. —" „Närrchen!" lachte der Pfarrer, „mußt Du eS ihr denn erzählen? oder glaubst Du, ich würde eS thun? oder gar unsere treue Beate? Und übrigens, warum solltest Du keine Chokolade trinken dürfen? die ist ja doch nicht trefa." Jakobine mußte lächeln über den eigenthümlichen Accent, mit dem der Pfarrer das letzte Wort aussprach. „Du lachst mich aus", sprach er, indem er ihr lächelnd mit dem Finger drohte, „da sollte ich Dir eigentlich gar nichts von meiner süßen Chokolade geben. Aber unser Herr hat die Rache verboten, er hat gelehrt: wenn böse Mädchen über Dich lachen, so mußt Du ihnen gute Chokolade geben. DaS ist eine schöne Lehre, gelt? Und weil unser Herr es gelehrt hat, will ich eS befolgen. Komm her, Du kleiner Schatz, und lasse es Dir schmecken". Und Jakobine ließ sich nicht lange mehr bitten; die Chokolade duftete gar zu verführerisch; sie ließ sie sich vortrefflich munden und bald hatte der theilnehmende Mann ihr alle ihre großen und kleinen Bekümmernisse entlockt. Er versicherte sie wiederholt seines aufrichtigen Mitleids und bat sie dringend, ihren Besuch bei ihm recht fleißig zu wiederholen; sie werde an ihm stets einen treuen Freund und Rathgeber finden, der nicht nur mit Worten, sondern auch mit Thaten stets bereit sein werde, ihr zu helfen. „Wenn Deine Mutter gar so strenge ist, liebes Kind, so möchte ich Dir wohl rathen, ihr von Deinem Unfälle auf der Straße gar nichtzu erzählen. Sie könnte Dir am Ende das Wiederkommen verbieten und das wäre mir sehr, sehr leid. Denn Du gefällst mir, liebes Kind, und wenn Du mich wieder besuchen wirst, beabsichtige ich Dir einen Vorschlag zu machen, der auch Dir recht sehr gefallen dürfte. Ich muß die Sache nur noch ein wenig überlegen." Jakobine versprach, seinen Rath zu befolgen, sowohl ihres Unfalles als auch ihres Besuches bei ihm gegen Niemand zu erwähnen, und auf sein wiederholtes Drängen sagte sie ihm ihren Besuch auf den kommenden Sabbatnachmittag zu; denn diesen verbrachte sie ohnehin nicht daheim. Doch die Zeit schritt vor; den Pfarrer rief sein Beruf in die Kirche und Jakobine erinnerte sich, daß die Mutter wohl schon ungeduldig ihrer harren werde. Begleitet von den Segenswünschen des Geistlichen. machte sie sich auf den Heimweg, nachdem sie zuvor mit schüchternen Worten ihm ihren Dank auszudrücken versucht hatte. „Schon gut, schon gut, liebes Kind", erwiderte der freundliche Mann, indem er ihr schmerzendes Auge mit kühlendem Balsam bestrich, „gib nur Acht, daß die scharfe Luft Dein krankes Auge nicht berührt" und er zog ihr den Shawl tiefer in das Gesicht hinein. „Also ich erwarte Dich sicher am Sonnabend Nachmittag und ich werde dafür sorgen, daß Beate frische Bretzeln vorräthig hat und vielleicht auch wieder eine Taffe Chokolade."