Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1879)
- Date
- 1879-02-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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172 ganz geschwollen. Mit solcher Geschwulst hätte die Mutter Dich nicht hinauslassen dürfen in dieser scharfen Luft." Er zog ihr das Tuch tief in'S Gesicht hinein; sie erröthete, er lächelte über ihre Verlegenheit. „Gleich sind wir in meiner Wohnung." Der Wagen hielt vor dem Pfarrhause am Anfänge des Dorfes. Der Geistliche stieg aus, nahm seinen Schützling an der Hand und geleitete sie über die Hausflur in das geräumige behaglich durchwärmte Zimmer. „Beate!" rief er der Haushälterin zu. „besorgen Sie rasch etwas Warmes für das kleine Mädchen hier." „Du, weine Güte! Herr Pfarrer, wen haben Sie denn da gebracht?" Der Pfarrer zuckte die Achseln. „Ein armes Kind, das ich ohnmächtig auf der Landsstraße gefunden. Machen Sie rasch, sonst kann der Anfall sich wiederholen." Er hatte recht; die plötzlich auf sie hereinströmende Wärme schien auf's Neue eine Ohnmacht hervorzurufen, «und während die mitleidige Alte in die Küche eilte, das Verlangte herbei zu schaffen, hob der Geistliche das Kind in einen Lehnsessel und nahm ihm das große Tuch ab, das ihm im Zimmer nur hinderlich sein konnte. Voll Theilnahme betrachtete er das anmuthige Kind, dem die schweren blonden Locken in das feine Antlitz fielen. Da kam auch schon Beate mit einem großen Glase warmer Milch „Das ist das Beste für Kinder, Herr Pfarrer, das muß das arme Mädchen vor Allem trinken, dann wird's ihm schon besser werden. Komm liebes Kind, trinke die Milch und dann kannst Du ein Paar Bretzeln essen." Jakobine schlug die Augen auf und schlürfte mit innigem Wohlbehagen die süße warme Milch, sie schien sie sichtlich zu erquicken, die Alte hatte ihre Freude daran, und brachte nun auch das versprochene Backwerk. Mit wahrem Heißhunger fiel Jakobine darüber her. „Armes Kind, Du hast wohl heute noch gar nichts genossen?" Jakobine schüttelte verneinend den Kopf. ..Dann ist es freilich kein Wunder, daß Du unterwegs schwach geworden bist. Denken Sie sich, Herr Pfarrer", wandte sie sich an den eben wieder herzutretendeu Geistlichen, ..das Kind ist noch nüchtern; ist es da zu verwundern, daß sie auf der Straße ohnmächtig wird?" Der theilnehmende Mann schüttelte den Kopf. „Unverantwortlich, in der That unverantwortlich von Deiner Mutter, Dich in dieser Jahreszeit nüchtern fort zu lassen." Jakobine erröthete; so empört sie selbst Aber die Behandlung war, die sie von ihrer Mutter erfahren, so konnte sie es doch nicht hören, daß ein Fremder diese tadelte. „Die Mutter hat auch durchaus wollen, daß ich erst frühnücke. sie hat auch gesagt, ich könnte auf der Straße liegen bleiben, aber —" sie stockte und senkte den Blick zu Boden. „Nun. was aber?" fragte der Geistliche, „Du haft's nicht wollen?" Jakobine neigte bejahend das Haupt. „Schau, schau, schau, was Dein Ungehorsam da beinahe angerichtet hätte; da kannst Du sehen, Kind, wie der liebe Gott ungehorsame Kinder straft. Wäre ich nicht zufällig daher gekommen, so lägest Du jetzt noch draußen rm Schnee und wärst am Ende wohl gar schon erfroren. Danke dem Herrn, Kind, daß Er mich zur rechten Zeit zu Deiner Rettung gesendet." Jakobine, mächtig ergriffen von den Worten des Geistlichen, einer ihr kaum bewußten Regung folgend, ergriff dessen Hand und zog sie an ihre Lippen. Der Geistliche aber fuhr ernst fort: „Ungehorsam gegen die Eltern, Kind, ist eine große schwere Sünde und ich weiß kaum, ob Dein Beichtvater sie Dir wird vergeben können. Und wie steht es denn damit, he? gehst Du fleißig in die Kirche und zur Beichte?" Jakobine erröthete verlegen. „Du schweigst? da muß ich wohl annehmen, daß es auch da hapert, he?" „Ich bin Jüdin", stammelte Jakobine und ihr war, als müßte sie in die Erde sinken. „Jüdin?" — wiederholte der Pfarrer gedehnt und die alte Beate trat unwillkürlich einen Schritt zurück und kräuselte verächtlich die Lippen, doch der Geistliche warf ihr einen mißbilligenden Blick zu. „Nun. nun, nun, Kind, Du brauchst Dich nicht gar so zu schämen, daß Du Jüdin bist, der echte Christ verachtet die Juden nicht. Unser Herr ward als Jude geboren und die Mehrzahl der Apostel waren ebenfalls Juden, bis der Geist des Herrn über sie kam und sie erleuchtete." Jakobine verstand schwerlich, waS er sprach; aber sie vernahm den freundlich aufmunterndeu Ton seiner Stimme und hob ermuthigt ihr schöneausdrucksvolles Auge. „Was ist denu das für eine Geschwulst an Deinem Auge? seit wann hast Du daS?" „Seit beute früh", flüsterte Jakobine auf- Neue erröthend. „Erst seit heute? da hast Du Dich vermutlich gestoßen, nicht wahr?"