Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1879)
- Date
- 1879-02-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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174 Er reichte ihr seine rothe volle Hand zum Abschied, sie drückte schon muthiger einen Kuß darauf und trabte dann rüstig und wohlgemuth der Heimath zu. (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte der Juden im belgischen Lande. Von Carl Brisch. (Fortsetzung.) Am 16. November 1755 fand am ganzen Niederrhein ein heftiges Erdbeben statt. Der Boden wankte, Häuser stürzten, die Hausgeräthe gingen auf und nieder. Alles gerieth in Furcht und Schrecken, es wurden überall öffentliche Gebete veranstaltet, denn der Mensch erkannte dieser mächtigen Naturerscheinung gegenüber seine Nichtigkeit. Die damaligen Rabbiner R. Mordechai Halbersiadt in Düsseldorf und R. Samuel Aschkenasi in Bonn ordneten das Beten verschiedener Psalmen und eines eignen für diesen Zweck verfaßten Techinagebets an. — Schrecklicher als dieses Ereigniß sollte aber ein anderes die Ortschaften der Rheinufer bald heimsuchen. Eine furchtbare Ueberschwemmung verheerte Städte und Dörfer im Winter 1784 und am härtesten wurden die Cöln gegenüber liegenden Städte Mülheim und Deutz betroffen. Vom 11. Januar bis zum 27. Februar hatte sich bei sehr hohem Wasserstande und grimmiger Kälte eine 10 bis 15 Fuß starke Eisdecke über den Rhein gelegt. Während es in den unteren Gegenden des Stromes noch fortwährend fror, trat in dessen oberen Gegenden gelindes Wetter ein, welches die Eisfesseln brach und die Schollen des Rheinstromes und seiner Nebenflüsse in furchtbarer Menge abwärts trieb. Die von obenher kommenden Eismassen fanden unten an der noch auf dem Rheine lagernden Eisdecke immer mehr Hindernisse, thürmten sich, da sie nicht weiter konnten, zu hohen Bergen und Klippen auf und übereinander und versperrten den Lauf des Stromes, so daß die Wassermassen immer höher anschwollen und sich in Strömen überall hin landeinwärts ergossen. Innerhalb weniger Stunden wurden ganze Ortschaften zu Grunde gerichtet. Die dahinbrausenden Fluthen wühlten die stärksten Bäume aus der Erde und die mit reißender Gewalt daherrollenden Eisblöcke schnitten die Häuser von ihren Fundamenten ab,. Menschen in ihrem Sturze begrabend. Besonders empfindlich wurde dieses Unglück für die Juden der genannten Orte, die ihre Quartiere in den unteren Stadttheilen am Rheinufer hatten. In Bonn gelang es ihnen, zeitig der Gefahr zu entgehen. Die heiligen Thorarollen aus der Synagoge holend, verließen sie ihre überschwemmte Straße und begaben sich in die obere Stadt, wo sie in christlichen Häusern freundliches Entgegenkommen fanden. Auf kurfürstlichen Befehl wurde ihr Viertel von Wachen umstellt, um das plünderungslüsterne Gesindel von dem Eindringen in die verlassenen Häuser abzuhalten. — In Deutz floh der größte Theil der Stadtbewohner in die Benediktiner-Abtei, die Juden und ihre christl. Nachbarn kamen in dem HilleSheim'schen Hause zusammen. Aber nicht lange konnten sie der Festigkeit dieses Gebäudes trauen, sie ließen um Aufnahme in der Abtei anfragen, was ihnen bereitwilligst gewährt wurde. Die Mönche wiesen ihnen Zimmer an und theilten Brod, Butter und Wasser mit ihnen. Am Freitag vor Tagesanbruch (5. Adar — 28. Februar) wagten sich einige beherzte Männer in die Synagoge hinüber und es gelang ihnen, dreizehn Thorarollen zu retten, mit denen sie den Rückweg über die Dächer der benachbarten Häuser nahmen. Am Sabbatnachmittag sah man die Synagoge bis auf den Grund Zusammenstürzen. — Am furchtbarsten aber wüthete das entfesselte Element in Mülh eim. Der Ueberfall deö Wassers kam hier (am 27.) den Bewohnern mit solcher Geschwindigkeit und Gewalt über den Hals, daß sie nackt und blos sich flüchten mußten. Hunderte von Menschen, die ihre Wohnung nicht zeitig genug verlassen hatten, wurden von den Wogen und Eisthürmen in ihre Häuser eingeschlossen und mußten sich von dem ersten Stock auf den zweiten und von da auf den Speicher flüchten. Auch dorthin folgte ihnen der Alles verschlingende Feind und bereitete Manchem fein Grab. In ganz kurzer Zeit waren 164 Häuser spurlos verschwunden, darunter die Synagoge nebst vier Judenhäusern. Hier war es nicht möglich gewesen, irgend etwas zu retten. Sechs Thorarollen mit Gold- und Silberornamenten, sowie die Gebetbücher wurden von den Wellen verschlungen. Auf einem kleinen Flecken, der noch als Insel aus dem Meere hervorragte, kauerten tausende Unglückliche, die Alles verloren hatten, Christen und Juden, Katholiken und Protestanten von einerlei Angst gepeinigt, von einer Unruhe gequält. — Es war ein trauriger Sabbat, dem die geängstigten Menschen entgegengingen. — Starrend vor Frost, aller Lebensmittel bar, ohne Obdach für die kommende Nacht, waren sie nahe daran zu verzweifeln, hätte sich die allgemeine Menschenliebe nicht ihrer angenommen. Die Besitzer der wenigen hochgelegenen und! deshalb verschont gebliebenen Häuser öffneten den z Unglücklichen alle 'ihre Räume und theilten mit