Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1879)
- Date
- 1879-02-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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144 sie war so übermüdet, daß der Schlaf ihr heißes Auge floh, und als sie endlich in den Morgenstunden den Schlummer herannahen fühlte, da begann es in der nahen Kapelle zu läuten; es war fünf Uhr, Morgens. Hastig erhob sich die schwache Frau, zündete Feuer an und stellte Milch in den Ofen, dem jungen Mädchen, das in der Morgenkälte hinaus in'S Freie mußte, eine warme Suppe zu bereiten. „Auf Jakobine! 's ist Zeit, Dich auf den Weg zu machen!" ' Die jugendliche Schläferin rührte sich nicht. Warum neigte die Mutter sich nicht zu ihr, sie mit einem Kusse zu erwecken? „Jakobine! Jakobine! es wird spät!" und nach einem ziemlich u, sanften Stoß fuhr das Mädchen endlich in die Höhe und blickte verwirrt und erschreckt um sich. „Steh' auf und mach' rasch, es wird spät." Jakobine rieb sich die Äugen und erhob sich langsam, dann aber vollendete sie in nicht allzu langer Zeit ihre einfache Toilette. Bertha hatte inzwischen die Milchsuppe bereitet und sie dann in zwei Schüsselchen gefüllt. „Nun setze Dich und iß einen Teller warme Suppe, da wirst Du die Kälte draußen kaum spüren." Schweigend nadm Jakobine ihren Platz am Tische ein, doch weit lieber wäre sie zurückgekehrt in ihr warmes Bett. Die Mutter betrachtete sie seufzend mit mitlerdsvollen Blicken, dann wusch sie sich die Hände, trat zum Wandschrank und nahm ein Stückchen Fleisch heraus, das von dem gestrigen Mittagsmahle übrig geblieben war. Sorgfältig hüllte sie es ü ein weißes Blatt Papier und reichte es dann der Tochter über den Tisch. „Da nimm, auf dem Rückweg kannst Du's verzehren." Jakobine streckte die Hand aus, die freundliche Gabe in Empfang zu nehmen. Doch es war wohl Folge ihrer Schläfrigkeit, das kleine Stück Fleisch entglitt ihren Fingern und fiel in das vor ihr stehende Milchschüsselchen. „O!" rief sie bedauernd. Doch eine schallende Ohrfeige lohnte ihre Ungeschicklichkeit und ließ sie den Verlust ihres Frühstückes vollständig vergessen. „Ungeschickte, dumme Gans!" schalt die Mutter, „was wirst Du nun essen? wirst nun nüchtern hinaus müssen nach Neuborf, ich habe keinen Tropfen Milch mehr im Hause." Jacobine schluchzte laut. „Ja weinen kannst Du, wenn man Dich nur anrührt, aber Acht geben — nein das ist zu viel verlangt. Na, hör' schon einmal, es wird spät und Du mußt fort. Da, nimm meine Suppe und iß — werde ich heute kein Frühstück haben." Und sie stellte bei diesen Worten das eigene Schüsselchen mit Suppe vor das noch immer weinende Mädchen. „Na, hör' schon einmal auf mit der Greinerei, iß und mach', daß Du fort kommst, es wird sonst zu spät." Doch Jcrkobine griff nicht nach dem Löffel, mochte die Mutter befehlen und drohen so viel sie wollte; das Mädchen war nicht zu bewegen, auch nur das Geringste zu genießen. Bertha bereute ihre Heftigkeit aufrichtig; sie sah ein, daß sie das Kind zu hart gestraft, und hätte sie diese Reue, «diese Erkenntniß nur durch den Ton ihrer Stimme kund gegeben, das empörte Gefühl des Kindes hätte sich beschwichtigt. DoR ihr Befehl war kurz und schroff wie immer. Sie war nahezu in Verzweiflung, daß sie das Kind nüchtern in die schneidende Morgenkälte in's Freie schicken mußte; doch sie konnte es nicht ändern; war das Kleid nicht zur bestimmten Stunde im Bauernhof, so war sie in Gefahr, ihre beste Kundin zu verlieren. „Geh' Jakobine, mach' keine Dummheiten, iß die Suppe und geh!" Das Mädchen rührte sich nicht. „Na, Du Eigensinn, wenn Du nicht essen willst, so mußt Du so gehen. Und sputen mußt Du Dich, das sage ich Dir; bist Du nicht in einer halben Stunde draußen in Reudorf, so ist es nichts mit 'nem neuen Shawl, das merke Dir." Jakobine erhob sich schweigend und griff nach dem umfangreichen Packet. „Na, Du wirst doch nicht so fort wollen, ohne Shawl?" Sorgsam hüllte sie die Mutter in das schäbige Tuch und gewahrte erst hiebei mit Schrecken, daß das rechte Auge des Kindes hoch aufgeschwollen war; in ihrer unglückseligen Heftigkeit mußte sie es getroffen haben. „Schmerzt Dich daS Auge?" fragte sie besorgt. Doch Jakobine schien diese Frage zu überhören. sie nahm die Schachtel und ohne Gruß verließ sie das Zimmer und wenige Augenblicke später hörte Bertha, wie sie mit'trotziger Heftigkeit die Hausthür in's Schloß warf. Seufzend blickte die Mutter ihr nach. „Armes Ding, in dieser Kälte hinaus müssen — 'S ist kein Vergnügen — und noch dazu ohne gefrühstückt zu haben — wenn's ihr nur nichts schadet. — Und wie das Auge auSsieht! — weiß Gott, ich hätte's lieber selbst. — Aber was soll man machen, Kinder müssen erzogen werden."