Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1879)
- Date
- 1879-02-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447797-2447804--15813-2471776- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
143 eine schlechte Ausrede. Der Herr Oberrabbiner hat durch seine Principlosigkeit nicht wenig zum endlichen Siege des hiesigen radikalen Bürgermeisters beigetragen. Neuern Nachrichten zufolge soll nunmehr auch der jüdische Friedhof in Anders behördlich geschlossen werden. Amerika. New-N^k. Die bekannte Hilton-Seligmann- Affaire wurde vor Kurzem wieder in's Gedächtniß zurückgerufen. Voriges Jahr hat, wie sich die gesch. Leser erinnern werden, der Richter Hilton, der Testamentsvollstrecker des verstorbenen Millionärs A. F. Stewart, dem wohlbekannten Banquier Selig mann den Aufe^halt in einem aus der Stewart'schen Erbschaftsmasse herrührenden Hotel verweigert und zwar aus dem einfachen Grunde, weil S. Jude ist. Seit dieser Zeit haben die Juden alle Beziehungen mit der Firma A. F. Stewart u. Comp, abgebrochen. Um nun die Juden wieder anzuziehen, hat der Richter Hilton die Idee zu erkennen gegeben, den New - Aorker jüd. Wohlthätigkeitsanstalten (Hospital, Waisenasyl und AlterversorgungSanftalt) eine gewisse Summe Geldes zu übergeben. Die betreffenden Verwaltungen dieser Anstalten haben sich jedoch geweigert, diese Schenkung anzunehmen. Feuilleton. Iakoöine. Ein Lebensbild. Von Ariedrich Hlott. VI. Der Sabbat verging in gewohnter Weise. Nachmittags besuchte Jakobine eine ihrer Freundinnen, die ihren Geburtstag feierte und von ihrer Mutter reichlich beschenkt worden war. Eine Thräne trat in Jakobinens Auge, als sie die hübschen Geschenke bewundern mußte. Doch seien wir gerecht, die Thräne galt nicht den zierlichen Sachen, sie galt der Liebe, die sie ausgewählt und die sie so schmerzlich vermißte. Warum hatte nur ihre Mutter ihren Geburtstag nie gefeiert? Betti's Mutter war doch auch Wittwe und arm; trotzdem fand sie Mittel, ihren Liebling zu erfreuen. — Aber ihre ‘ utter hatte sie wohl nie geliebt. Der Sabbat ging zu Ende; als es dunkelte, eilte Jakobine heim. Bertha hatte sie schon voll Ungeduld erwartet, denn es war Zeit, Licht und Feuer anzuzünden. Während die Mutter emsig nähte, war das junge Mädchen mit häuslicher Arbeit beschäftigt, hatte Teller und Tassen zu spülen und das einfache Abendbrod zu bereiten. Sobald dieses aber eingenommen, bestand die Mutter darauf, Jakobine müsse sich niederlegen; sie wollte Einwendungen machen, es war ihr noch gar zu früh, doch in kurzen dürren Worten ward der Befehl wiederholt und mußte vollzogen werden. Grollend warf sich das Mädchen auf's Bett. Die Freundin hatte sie so dringend gebeten, nach dem Nachtessen noch auf ein Stündchen zu ihr zu kommen; sie wollten spielen, um den Geburtstag noch weiter zu feiern; aber die Mutter hatte diese Freude nicht gestattet. „Sie gönnt mir keine Freude." Trotzdem währte es kaum eine Viertelstunde, und die tiefen gleichmäßigen Athemzüge der Schlummernden bewiesen, daß sie das Läger doch nicht zu frühe aufgesucht. Bertha hatte noch einige Stunden zu nähen; sie mußte sich unterbrechen, um die Gluth im Ofen zu schüren, denn es war bitter kalt. Mit schmerzlichem Seufzer blickte sie auf die Schlafende. „Armes Kind", flüsterte sie, „mußt da morgen früh auf's Dorf hinaus — bei der Kälte. Doch ich kann's nicht ändern, meine Füße tragen mich nicht so weit." Unwillkürlich blieb sie stehen und schaute auf die jugendliche Schläferin. Wie lieblich sie da lag. Die jetzt oft so finster blickenden Augen waren geschlossen, mit unvergleichlicher Anmuth fielen die schweren goldgleichen Locken über den runden weißen Arm. der das schöne Haupt zu stützen schien. Die Mutter vermochte dem Zauber des holden Anblickes nicht zu widerstehen, leise beugte sie sich nieder, leise berührte sie mit ihren bleichen Lippen die Stirn ihres Kindes. „Mein Liebling! — mein armes Kind!" Wäre Jakobine in diesem Augenblicke erwacht, hätte sie geahnt, daß ihrer Mutter Lippen sie berührt, o, wie hätte sie sich so glücklich gefühlt! — Doch sie schlummerte ruhig weiter und der Traum führte sie zu ihrer Freundin Bett: und sie klagte dieser, daß die Mutter sie doch nimmer werde lieben können. Seltsam war es in der That, warum konnte diese zarte, bleiche Frau, die ihr einzig Kind so zärtlich liebte, doch so selten nur iu freundlichem Tone zu diesem Kinde reden? warum konnte sie nur dann ihm Liebe zeigen, wenn sie sicher war, daß es nichts davon gewahre? Leise schlich sie zurück zu ihrer Arbeit. Mitternacht war längst vorüber, als sie sie endlich vollendet. Erleichtert athmete sie auf und hoffte nun, noch einige Stunden ruhen zu können; doch