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Der Israelit · 1879-02-05 · Heft 6 (5.2.1879) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 6 (5.2.1879)
Date
1879-02-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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139 der gesammten Judenheit deutscher Nation, war,! der Wipperei verdächtig, gefänglich eingezogen i worden. Einer seiner Glaubensgenossen, der trief- > äugige Pheiwel, hatte ihn denuncirt und der Be- \ Hörde ein beschnittenes Goldstück übergeben, das i er vom Rabbi Joselmann empfangen haben wollte,! da er bei ihm, im Aufträge des Priors, Gold j eingewechselt hätte. In Folge dessen war eine j nächtliche Haussuchung angeordnet worden, und! man hatte in der Küche, im Holzkorb, Goldschnitzel j gefunden; auch aus der Kasse nahm man mehrere j Goldstücke mit, die verdächtig erschienen. Die Verhaftung Rabbi Joselmanns machte ungeheures Aufsehen. Jeder einzelne Jude fühlte die Tragweite dieses Ereignisses. Wenn der Kai- . serliche Befehlshaber der gesammten Judenheit! deutscher Nation, der fromme, gelehrte Rabbi wej gen eines gemeinen Verbrechens gehängt würde, j so triumphirten die Judenfeinde auf dem ganzen Erdenrunde, so gab das ein Signal zur Verfol-; gung, Ermordung oder Vertreibung der Juden in sämmtlichen Ländern der Christenheit. Die Juden von Ober-Ehenheim, vom Schrekken ob des fürchterlichen Ereignisses fast gelähmt, wußten, nicht, was sie beginnen sollten. Sie liefen : zum Bürgermeister und wurden nicht vorgelassen, zu den einzelnen Rathsherren, die weder zu helfen i noch zu rathen wußten. — Sie schickten Deputa-! tionen an Rabbi Lippmann Doctor in Mainz, nach Worms, nach Frankfurt am Main. Aber! durfte man hoffen, daß dorther Hilfe komme j und daß sie noch rechtzeitig komme? Sie I schickten eine Botschaft an den kaiserlichen; Landvogt zuEnsisheim, Herrn Wilhelm von Rap- , polt stein; allein dieser hatte sich an das kaiserliche! Hoflager begeben, und sein Sohn und Stellverj trelcr, Herr Ulrich von Rappoltstein, erklärte nicht befugt zu sein, hier einzuschreiten. Der Einzige, der einzuschreiten vermochte, war der Kaiser. Aber wo weilte der Kaiser gegenwärtig? Die deutschen Kaiser hatten zu jener Zeit keine festen Wohnsitze; sie zogen im Reiche umher, sich bald in dieser, bald in jener Stadt länger aufhaltend, und Zeitungen, welche, wie heutzutage, über die Reisen hoher Herren berichten, gab es damals noch nicht. — Die entsetzlichste Verzweiflung bemächtigte sich der Geängstigten; da griffen sie zum alten Handwerk der Väter, sie beteten zu! Gott, und Tag und Nacht wurde die Synagoge von Obern-Ehenheim von Betern, nicht leer, die unter Weinen und Wehklagen um Rabbi Joselmanns Befreiung fleheten. — Dieser selbst lag in jener dumpfen, dunkeln Zelle, in welcher noch wenige Tage zuvor die drei Juden eingekerkert! waren, welche Rabbi Joselmann durch sein eifriges Mühen befreit hatte. % „Wajehi Joseph bebeß haßohor", sprach er vor sich hin, „jetzt ist Joseph im Gefängnisse." Jener Joseph ging einst aus dem Gefängnisse hervor, um König zu werden — mich hat man, wiewohl Befehlshaber und Regierer, ins Gefängniß geworfen. Nun, Gottes heiliger Name sei gepriesen! — Wenn ich nur wenigstens „lernen" könnte. Ich darf als Kaiserlicher Befehlshaber ritterliche Haft beanspruchen." Der Kerkermeister trat herein und brachte Brod und Wasser. „Mein guter Freund", redete Rabbi Joselmann ihn an, „ich werde Euch reichlich belohnen, wenn ich wieder frei komme. Gehet hin zum Bürgermeister und saget ihm, daß ich als Kaiserlicher Beamter ritterlich Gefängniß beanspruche. Es könnte ihn schwere Verantwortlichkeit treffen, wenn er es verweigert." Der Kerkermeister versprach so zu thun. Als er den Bürgermeister aufsuchte, fand er den Prior und Johannes Pfefferkorn bei demselben. „Nichts da", rief der Bürgermeister, als er den Wunsch Rabbi Joselmanns vernahm, „der Jud' bleibt im Loch!" „Ich möchte doch Euer Gestrengen gebeten haben", nahm Pfefferkorn das Wort, „in dieser Beziehung dem Wunsche des Juden zu willfahren. Eure Gestrengen beweisen dadurch die hohe Achtung vor des Kaisers Majestät und vermeiden jeden Anlaß, daß man Euch der Gehässigkeit beschuldige." Da auch der Prior dieser Ansicht war, so wurde dem Gefangenen ein freundliches, sonnenhelles Gemach im Thurme eingeraumt. Zu den Vorzügen der ritterlichen Haft gehörte auch die Befugniß, Bücher und Schreibmaterialien zu benützen, Besuch zu empfangen und sich mit eigener Kost zu verköstigen. Rabbi Joselmann ließ sich vor Allem seine geliebten Bücher kommen, um sich in seiner Haft mit dem Studium der Gotteslehre zu beschäftigen. Zum Verhöre geführt, stellte er natürlich jede Schuld in Abrede. Da befahl der Bürgermeister, die Folterwerkzeuge herbeizubringen. „Ich bin Kaiserlicher Beamter", sagte Rabbi Joselmann ruhig, „Ihr dürft mich nicht foltern ohne besondere kaiserliche Ermächtigung." „Der Jude hat Recht", sprach der Rathsherr Friedrich Bergheim, „wir müssen erst die kaiserliche Genehmigung einholen."

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