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Der Israelit · 1879-01-29 · Heft 5 (29.1.1879) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 5 (29.1.1879)
Date
1879-01-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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117 „Allzu scharf macht schartig" pflegte ihr Schwager oft warnend ihr zuzurufen. Doch die kränkliche und durch ihre Kränklichkeit ungemein reizbare Frau glaubte es besser zu verstehen, glaubte vor Allem sich wahren zu müssen vor dem Selbstvorwurf, den ihr Schwiegervater so häufig sich gemacht. Sie wollte in keiner Beziehung ihre Pflicht versäumen, mochte sie ihr auch noch so schwer werden. So weit ihre allerdings sehr beschränkten Verhältnisse es gestatteten, sorgte sie auch für den Unterricht des Kindes. Jakobine mußte die Schule regelmäßig besuchen und durfte auch die für israelitijche Kinder bestimmte Neligionsstunde nie versäumen, obgleich der s. g. Religionsunterricht sich auf das nothdürftige Lesen hebräischer Gebete beschränkte. Bertha erkannte wohl das Ungenügende dieses Religionsunterrichtes; aber sie hatte sich von jeher bestrebt, alle ihr bekannten Ge- und Verbote dem Kinde eiuzuprägen, freilich auch wieder in ihrer wenig ansprechenden Weise. Sie sagte der Kleinen in kurzen dürren Worten: dieses und jenes ist verboten; vergaß sich Iakobine und übertrat das Verbot, so kannte die Mutter nur handgreifliche Erinnerungen. Dadurch erreichte sie freilich, daß mit den Jahren die Gesetzesübertretungen immer seltener und seltener vorkamen, aber den religiösen Sinn ihres Kindes hatte sie wohl wenig dadurch gefördert. Jakobine hütete sich freilich, den Sabbat zu entweihen, weil ihr die Züchtigungen der Mutter wenig behagten; aber der Sabbat selbst ward ihr dadurch verhaßt. Davon hatte allerdings die Mutter keine Ahnung, denn mit den Jahren war aus dem frischen lebensfrohen, offenen Kinde ein düster, schweigsam verschlossenes Mädchen geworden, wenigstens erschien sie so in Gegenwart der Mutter. Doch im Kreise munterer Gespielinnen war sie die Fröhlichste der Fröhlichen. Ja, ihr Frohsinn steigerte sich da oft bis zur Ausgelassenheit, eben weil sie ihn vor der Mutter verbergen zu müssen glaubte. Und wenn sie zuweilen in den Familien ihrer kleinen Freundinnen sich befand und dort sah, wie andere Mütter ihre Kinder oft herzten und liebkoseten, wie konnte sie sich dann sehnen nach einem freundlichen Wort, einer Umarmung ihrer Mutter. Sie war doch nicht schlechter als andere Kinder und hörte oft von Fremden, daß sie weit schöner als die meisten, warum mochte nur ihre Mutter sie trotzdem nicht lieben? — Denn allen Ernstes zweifelte sie an der Liebe ihrer Mutter. Erinnerte sie sich doch kaum, daß ihre Mutter sie je umarmt, und die zarten weißen Hände streichelten nie ihre rosigen Wangen, glitten nie liebkosend durch ihre schönen blonden Locken. Jakobine hatte ihr zwölftes Jahr zurückgelegt. Sie hatte die Schule verlassen; sie mußte nun in der Wirthschaft helfen und wenn die Arbeit sich häufte, o?er die Mutter kränkelte, auch fleißig die Nadel führen. Es war im December an einem Freitag Nachmittage. Die Mutter war schon seit mehreren Tagen recht leidend gewesen; Jakobine hatte tüchtig mit Hand anlegen müssen; trotzdem war es nicht möglich gewesen, die übernommenen Arbeiten rechtzeitig zu vollenden. Der Sabbat nahte; Jakobine hatte die Messingleuchter putzen müssen, bis sie glänzten wie blinkendes Gold; die llutter hatte die Arbeit fortgeräumt, hatte ein weißes Tuch über den Tisch gebreitet und war nun beschäftigt ein Paar dünne Kerzen in den Leuchtern zu befestigen, während Jakobine einige Töpfchen in die Ofenröhre stellte und noch einige Löffel Kohlen in die Gluth im Ofen schüttete. Die Kerzen brannten bereits, als eine Bauersfrau in das sabbatlich geschmückte Zimmer trat. „Ah, schönen guten Abend Frau Grünfeld! wie gemüthlich schaut's bei Ihnen aus und wie schön warm haben Sie's hier. Ader wo ist denn mein Kleid?" fügte sie hinzu, nach allen Seiten sich umblickend. „Ich bin gekommen, um es mit heim zu nehmen." Die Bäuerin gehörte zu Berthes besten Kunden; sie zahlte gut, sah aber sehr darauf, daß sie die Arbeit zur bestimmten Zeit erhielt. Bisher war es auch noch stets gelungen, sie zu befriedigen; aber dieses Mal handelte es sich um ein Feierkleid, in dem die reiche Frau am kommenden Sonntage bei einem Hochzeitsfeste glänzen wollte. Bertha hatte es ihr mit Bestimmtheit zum heutigen Tage zugesagt; doch ein ernstes Unwohlsein hatte es ihr unmöglich gemacht, es zu vollenden. Mit höflich eindringlichen Worten suchte die arme Frau ihre Unzuverlässigkeit zu entschuldigen und bat nur für dieses eine Mal um Nachsicht. Doch die Bauersfrau war unerbittlich. Grade dieses eine Mal lag ihr so unendlich viel daran, wollte sie doch in dem neuen schimmerden Kleide alle Verwandten und Bekannten überstrahlen. Warum hatte Bertha nicht bei Zeiten Hilfe zur Arbeit sich genommen? konnte sie doch nicht daran zweifeln, daß die Bäuerin zur bestimmten Zeit ihr Kleid einfordern werde. Die Frau war im Rechte. Doch Bertha, mit der schwächlichen Personen oft eigenthümlichen Scheu, wollte keiner Fremden einen Einblick in ihre Verhältnisse gestatten. Vom frühen Morgen

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