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Der Israelit · 1879-01-22 · Heft 4 (22.1.1879) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 4 (22.1.1879)
Date
1879-01-22
Page
– (sequence 26)
Language
German
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98 Süddeutschland immer mehr nach Norden vor, alle Judengemeinden vernichtend. Da sammelte Gras Wilhelm von Berg, jeder fanatischen Gesinnung fremd, einen Haufen seiner Dienstmannen und dem Raub- und Mordgesindel sich auf dem Wege von Deutz nach Siegburg entgegenwerfend, erschlug er deren nicht wenig und sprengte den Rest auseinander. Den Juden im Bergischen räumte cr sodann zu einer sicheren Zuflucht zwei seiner Schlösser ein, deren sie jedoch weiter nicht bedurften, indem jener von Wilhelm bewiesener Ernst jedem weiteren Gcwaltversuche gegen sie gesteuert hatte. Das Jahr 1349 war auch für die Inden des bergischen Landes ein verhängnißvollesauch hier wurden unzählige Menschen dem blinden Wahne als Urheber der Pest geopfert. Wenige Jahre nach den stattgehabten Blutthaten wurde den gesprengten Ueberrestcn überall wieder bereitwilligst die Thore geöffnet. Auch in Cöln bestand seit 1372 eine neue Judcngemeinde, die sich in Folge neuer Anfeindungen nur 50 Jahre erhalten konnte und nach ihrer abermaligen Auflösung zumeist im Bergischen eine Freistätte fanden. Als nämlich in der genannten Stadt zu Anfang des 15. Jahrhunderts eine ansteckende Krankheit ausbrach, da tauchte abermals das alberne Märchen von Brunnenvergiftung auf, fanatasche Geistliche steigerten den Haß mit dem Vorwurf einige Glieder der Judengemeinde hätten bei Christen Bekehrungsversuche zum masaischen Glauben gemacht, und der Rath beschloß, die ganze Judenheit aus der Stadt zu verbannen. Am * Barthotomäustage 1424 wurde dieser grausame Beschluß von einer Commission, an deren Spitze der Pastor von St. Martin stand, in unmenschlicher Weise zur Ausführung gebracht mit dem Gelöbniß, „daß die Juden mit ihren unchristlichen Füßen die heilige Erde einer der heiligsten Städte der Christenheit, die mit großem köstlichen Heiligthum der lieben Heiligen geziert ist, nicht mehr betreten sollen." Der größte Theil der Ausgewewiesenen mit ihrem Rabbiner Pruno Soeskind ließ sich in Deutz, ein anderer Theil in Siegburg und ein dritter Theil in Mühlheim am Rhein nieder. Deutz war damals der Zankapfel zwischen der Stadt Cöln, dem Erzbischof und den bergischen Herzögen und wurde bald von diesem bald von jenem niedergebrannt. Auf diesem unsichern, gefährdeten Boden stand bald eine Synagoge und ein Lehrhaus. Die Leichen der Verstorbenen wurden nach wie vor auf dem alten (vor dem Severmthor in Cöln belegenen) Friedhof heute noch „zum todten Juden" genannt, beerdigt, bis die kurfürstliche Negierung der Gemeinde im Jahre 1699 einen Begräbnißplatz in Deutz schenkte. In Siegburg fanden die Cölner Flüchtlinge eine alte große Gemeinde, d e schon seit Gründung der Abtei (1050) unter dem Schutze des Abtes, der auch das weltliche Regiment der Stadt und Umgegend in Händen hatte, hier lebten. Während der Kreuzzüge scheinen die siegburgcr Juden unbehelligt geblieben zu sein, da das Complott der Meuterer sein Augenmerk nur auf große Gemeinden gerichtet hatte. Ihre Stellung war nach den damaligen Verhältnissen eine günstige. Sie zahlten dem Abte jährlich eine bestimmte Summe als Geleitgeld, waren von allen bürgerlichen Lasten befreit und nur verpflichtet, gleich andern Bürgern den Wachtdienst an den Thoren zu versehen. Vom Sendgericht konnten sie nicht zur Verantwortung gezogen werden, der Vorsteher ihrer Gemeinde war ihr Richter. Nur schwere Verbrechen wurden vom Abte abgeurtheilt. Aus ihrer Ruhe wurde die Judengemeinde in Siegburg durch die unsinnige Anklage aufgeschreckt, einem Kinde aus Jroisdorf, Johänneken mit Namen, welches oft die Minoriten des Klosters Seligenthal besuchte, aufgelauert, und dasselbe ermordet zu haben. Dieses Ereigniß kostete einem Theile der Gemeinde das Leben. Das Johänneken wurde als Heiliger verehrt und ist heute noch unter den Reliquarien des Klosters zu sehen. Eine Kapelle und zwei Abbildungen der Mordgeschichte verewigen diesen Aberglauben und die Rohheit des Mittelalters. — Die Juden von Siegburg v rkehrten viel in Cöln und nicht selten halfen sie dem Erzbischof und der Stadt mit Geldmitteln aus Mancher von ihnen fiel als Opfer seines Reichthums. In« Jahre 1334 ließ der Erzbischof Wadram den Meyer von Siegburg und dessen Sohn Joelmann ums Leben bringen und eignete sich deren Hinterlassenschaft an. Einer der reichsten Mitglieder der genannten Gemeinde der nebst vielen andern Juden im Sturme 1349 sein Leben verlor, war Simon. Ein noch vorhandenes Verzeichniß seiner Schuldforderungen zählt die Herzöge von Berg, Jülich, viele Grafen und Herren als seine Gläubiger auf, die im enorme Sumnren schuldeten. Die jüdische Niederlassung in Mühlheim hatte ihre kleine Synagoge im unteren Stadttheile, hart am Rheinufer, wo heute noch das Lokal „zur Bierkirche"" steht. Ihre Todten wurden auf dem Kölner und später auf dem Deutzer Friedhof beerdigt, bis der Urgroßvater der Familie Cahen und dessen drei Söhne den jetzigen Friedhof im Jahre 1774 der Gemeinde als Geschenk überwiesen. — Außer den erwöhnten Gemeinden finden wir noch im Bergischen alte Niederlassungen, wie z. B. Kaiserswerth mit Synagoge und Friedhof: die Unduldsamkeit der neuenburgischen Regenten, die in ihrem Hasse im 17. Jahrhundert die Juden verfolgten und mehrere Male aus dem Lande wiesen, hat jede Spur zur ältern Geschichte verwischt. Der Nachfolger des obengenannten R. Süßkind als Rabbiner des Landkreises Cöln war Rabbi Vivis, bekannt durch seine Opposition gegen die Beschlüsse der Binger Synode, laut welchen die Rabbinate Jülich und Geldern, die bisher unter seiner (des R. Vivis) Aufsicht gestanden, dem oberrheinischen Landrabbiner Seligmann unterstellt werden sollten (Jsserlein z'poz Nr. 252). Dieser R. Vivis war Leibarzt des Herzogs v.

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